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Konrad Weiß: Kriegsbuch 3 (6. Mai bis 29. November 1915)

Konrad Weiß

Kriegsbuch 3

6. Mai bis 29. November 1915

1

Donnerstag, 6. V. 15[Donnerstag, 6. Mai 1915]

ein stiller bedeckter Tag mit Werktagsfuhrgeräusch. Italien vor der Entscheidung
Stimmung bei dieser Krise, Mittelding zwischen fatalistischer Ergebenheit
grimmiger Gleichgültigkeit und Verlassenheit und im Hintergrund Gottvertrauen,
sobald die natürl. Freiheit wieder in der geschichtl. Namensheiligung befestigt wäre.
Nachmittags wolkig, heiß schwül. von Süden her ganz intensiv
blaue aber glatte (leere) Gewitterwolken, blau wie sattester
blauer Himmel. Abends in die Nacht Gewitterregen tropfend und
fallend, aber bald aufhörend, schließt nicht die Risse des Bodens,
dann Sternenhimmel. Mond [Strichzeichnung von Sichelmond] abnehmende Mondsichel um
3 Uhr früh im Osten hinter den Bäumen, die schon reichlich Laub
oder leichte Wölbungen

Freitag, 7. V. 15[Freitag, 7. Mai 1915]

Schwüler Morgen. Himmel grau und weiß flocken wolkig bedeckt,
halbhoch und Buchten mit blauen Meerzungen und Helle der
unsichtbaren Sonne. Daß man Menschen alltag hört, aber
niemandes Blick und Wort hören sehen und kein Tun
gewahren mag, die deutlich sind. Ölbergspannung. Warum
ging Christus und wollte dann den Kelch nicht nehmen? Zwist
zwischen natürl. und geschichtl. Leben. Vormittags Aufklaren
mit gewitterig schwimmenden Nachgewölk – Die Notwendig-
keit des Stolzes, was Christus nicht haben konnte 1. Auch wieder Stimmung
in die Einsamkeit fliehen zu müssen. (Sennhütte.)
! Ölberg

2

Problem der Bürgerlichkeit und Freimaurerei, Art des Verderbs
? aus welcher geistigen Konstellation zustande kommt, aus
der größten
X
engsten
[geschweifte Klammer]
gegenüber der mittleren von 1870 cfr Kunst und Papstcharakter

Dem faulen ist selbst Schmerz und Betrübnis und Spannung der Zeit
ein Grund, die Hände im Schoß liegen [korrigiert aus: in den Schoß zu legen] zu lassen, und
er möchte die dauernde und zunehmende Bedrückung
nicht aufhören lassen, um zu seiner Armut die Pflicht
nicht zu fühlen.

III. Teufel, daß die Begeisterung über alles hinwegträgt, cfr auch
Versuchungsberg und deren nächster in Glaube und Geschichte
Gott ist (Entheos)

In geistigen Dingen ist leichter, sich ganz an Gott hängen,
er wird es schon recht machen, Trägheiten. aber in körperlichen,
das gilt die Probe, sich tüchtig machen.

Gott ich will dir immer mehr zu lasten sein
Aber du fühlst meine Schwere nicht
Hartnäckig sich auf Gott verlassen; –
Gottvertrauen
Heldensinn.
Ich fühle, daß Du meine Schwere nicht fühlst
Ist es nun Güte, oder ist es wie die Falle, welche zuschlägt
wenn der Hebel
der Zeit betreten ist

3

Samstag, 8. V. 15[Samstag, 8. Mai 1915]

Geogr und Krieg, Ort und Kräfte, Stemmungen, statt Zeit
und Bewegungen (diese im Osten)

Stellung bei Arras, diese neue Kunst
so daß auch Krieg nicht durch äußeres Schlagen und bestimmte Punkte erreichen,
sondern durch mehr innere, getrenntere Verhältnisse zu Ende gehen [?] muß

Die Angst (Vermessenheit wie Glaube), daß man sich nicht bessern
will, weil einem dann Gott sein Geschick erschweren
kann, man weiß, Gott lädt einem nicht mehr auf, als
man tragen kann. Wenn man aber nicht besser wird,
kann man nicht mehr tragen, dann kann einem Gott nicht
mehr aufladen. So Gottes spotten und mit Gott spielen.
Aber dann wieder die Angst, die Zeit zu verscherzen und von der
Gnade und Berufung ganz abgeschnitten zu werden.

Plötzlich um 6 Uhr früh pfeifender Ostwind. Schwüle und viele
leichte Schatten. Glasige Trübung.

3/4 6 Nachmittags Kraftfahrer mit vielen Leuten und Geschütz und
Musik zum Bahnhof. Zug mit 37 Autos geht ab. Dieser
Tag schwül und gewitterig, sonnig, wolkig.

4

Samstag, [Samstag, 8. Mai 1915]

Lusitania

Sonntag, 9. VI. [Sonntag, 9. Mai 1915]

Notizen VII. S. 144

aber wieder Naturstufen ? geschaut hat. [VR]

Montag, 10. V.[Montag, 10. Mai 1915]

Die moralische Kraft, die es braucht,
um mit den stärksten Mordwerkzeugen umzugehen,
diese ganz (unliterarische) Sittlichkeit. Lusitania, 1500
Kanonen an Dunajec, Calais beschossen, daß
Fenster in Dover zitterten.

Samstag, 15. V. 15[Samstag, 15. Mai 1915]

Praktische Wirksamkeit und Verstandes vorauseilende Überlegenheit
versöhnen durch Liebe III, zerstören müssen (Franktireurfrage)
In Schalom zwischen der Faulheit des spekulierend vorauseilenden
Verstandes und dem tatsächlichen Zurückbleiben in der
Lebenslage muß die Wirksamkeit in der Liebe
damit Humor, Ironie, Gleichmut erzielt werden.
wahre Caritas, so aber auch deutsches Schicksal vor 100 Jahren
dieser vorauseilende unfruchtbare Verstand {Kant} (jedoch Fichte)
und die losgelöste Ironie (Romantik) und Humor
Jean Paul, auch die Liebe fehlend ? jetzt wie schließt
sich die deutsche Geschichte zusammen auf eine mittlere Form
Berufungsannahme des Kaisers, inwiefern als Liebe, inwiefern

5

schließt sich die deutsche Geschichte gegenüber der vor 100 Jahren ab,
wie aber die Extreme vor 100 Jahren glaubensloser
Idealismus x Ironie zu reclusa sich verhalten

(Förster Dialog mit Muth, „das Religiöse fehlt ihm“ sagt Frau Muth) [VR]

III. Paradoxon und Liebe!

Sinn der Metaphysik unserer Zeitgenossenschaft
Liebe eigentl. Geschichtskraft!!>

Sinn als des I. größten Gebots, der ermöglicht
und gibt den innersten Kern der Geschichtskraft.

III Dismas: Durch Verzicht auf Rachsucht
wachsen wollen; er kann jetzt über die Mauer
reichen, eine Szene.

Montag, 17. V. 15[Montag, 17. Mai 1915]

Versuchung zur Glaubenslosigkeit im Blick auf durchschnittl.
bürgerliches Getriebe, aber worin unterscheide ich mich als durch
Wachen und Bezichten [?VR], nicht durch Lebensform; das Gefühl des Mit-
leidens gegenüber allg. Leben cfr. ⟨2⟩ jetzt Gefühl der Ohnmacht

6

Daß im Gefühl einer möglichen baldigen Lebensbeendigung
eines Sterbenmüssen im Zwang der Natur und Geschichte
und einer stärkeren Hand, ohne die inneren Erfahrungen
genutzt und Arbeiten vollbracht zu haben, ein Anreiz zum
Unglauben, zum lossagenden glaubenslosen Beendigen
liegt, diese Art Verstockungsmöglichkeit! (dies erst am 24. VI. 15)

Wie stark die Rachsucht in der Form

Dismas?]

die schlechten kathol. Zustände nach dem Kriege ändern zu
? können und darum mitzuhelfen, daß man schon deshalb
die Lebensgaben mag? Unmöglichkeit, den Weltlauf
? und die Verbürgerlichung, das ist Verschlechterung der Welt
zu verhindern.

Dienstag, 18. V. 15[Dienstag, 18. Mai 1915]

Das unbewußte, allzu freiwillige Aufsichnehmen, {(11 Jahre, 22, 33)}
Leidenssinn, Pietà, aber auch Kommunion cfr.
Anfangspsalm: fällt der Berg halt über mich.

Deutschland, das in der Reformation die Weltgeschichte
abgeschlossen hat, setzt sie jetzt wieder fort, weil sie aus wahrem
Grund ⟨.⟩ entgegengesetzten Pietàform sonst aufhören würde.
Das Geheimnis volle am Sein des Deutschen Geistes 2, schlagend geschlagen

7

Der Übergang vom Mönchischen zum Ritterlichen.
Das wichtigste ist alles unter die höchste Idee zu stellen, weil
dann auch kleine Unordnungen sich schnell fügen wie bei
einem großen Magnet.3

Die Kastanien in der Frühe stark ausblühend {stille und Wind} in
dicht schon belaubten Bäumen wie Sicheln weiß und
breit, vom Himmel gefallen, den Baum heraldisch
rhythmisch schmückend [zwei sicheln als strichzeichnung], die Sicheln aufhängen,
4 nun sie nicht mehr zum Ernten brauchen wollen.
Kastanien im Wind die Blüten überreich wehend {wankend} in
eine Richtung und mit Mühe zurück.

Wieder Landsturmtruppe am bewölkten hellen Nachsonne- [?]
abend mit Musik und Begleitern durch Bayerstraße fort.
Die furchtbar große Aufgabe, die Gott dem Deutschtum gab
der deutl. Wille Gottes, der Menschen opfert, nicht nur Gottes
Wille und Zulassung z. B. Türkei zu erhalten gegen die russische
tote reclusa

Mittwoch, 19. V. 15[Mittwoch, 19. Mai 1915]

Trüber regnerischer Tag {aber keinen Regen} zuerst
noch [?] mehr ergiebig. Frühregen seit langer Zeit Erde
immer verlangend, aber frühsommerlich trotz gelbgrünen
Frischlaubs. Spannung, Italien. gesenkter [VR] Himmel mit Öffnung nach den Rändern

8

Abends Brief, daß Vater schwer krank.

Italien; so gelangt man zu immer größerer Weltfrei-
heit und Unabhängigkeit von der Daseinsform. Wie
lange es dauert, bis man mürbe wird, aber nicht mürbe, sondern fest.
Daß man nicht so Leid wie Tat besinnungslos auf sich nehmen
soll, sondern daß man ein Kriegsziel, so auch ein geistiges
und zwar nicht die Pietà, sondern die Kommunion und den
hl. Geist als Ziel haben muß. Spannungen x
Lebensform. Daß der ganz natürl. geschichtl. Mensch
(Bismarck) von allen anderen befeindet worden,
daß die einzig wahre Form (Monstranz) aber
von der gemachten Form nicht eingeordnet ⟨3⟩ [VR: in eine gekonnte? Welt] werden muß.

Donnerstag, 20. V. 15[Donnerstag, 20. Mai 1915]

bedeckt, fast regnerisch

Der Krieg mit Italien immer täglich und stündlich näher
wieder gewisse Erregung und auch jetzt Frage, ob Sieg noch möglich,
wenn auch Rumänien und bald (da auch Amerika sehr gehässig),
Deutschland ganz allein in der ganzen Welt.
Persönlich gewisse Wahnfurcht (Aberglaube, daß sich selber

9

immer bei großen geschichtl Ereignis drohungen nähert), daß ich
vor kurzem über Sinn und Verdienste des Leidens geschrieben
und ob nun nicht etwa Deutschland im Anfang der Pietà-
zeit nur noch so zur geistigen Weltherrschaft
ausersehen sei, daß es in körperlich und stattlicher
Wesenheit tot zwischen den Armen der übrigen
Weltstaaten würde und nur geistig in ihnen
lebendig sei, sie am inneren Grenzhaften
haltend. Verdienste des Leidens auch als geschichtl.
Lebens form. Und als persönliche ? eigene. [??]

Donnerstag gedanke der Johanneischen Kommunion
Samstag, Taumelig Gedanke wie leicht oder schwer,
sterben und abergläubisch Scheu, richtig überall Kommunion
als taktisches Mittel, in Lauf eingrenzendes Ende [?VR]

[Es folgt ein eingeklebter Artikel aus dem Hochland]

»Maria in der Kirche« von Jan van Eyck, dieses einfachste und
trotz der stillebenhaften Liebe zu den Einzelformen im Geiste erhabenste Beispiel
der nordischen und besonders flämischen Architekturmalerei — falls man mit
diesem einseitigen Wort eine Kunst nennen darf, für die im Kirchenraum der
ganze Weltsinn beschlossen und geöffnet war —, ist nicht Zufall oder Laune, wie
es bei einem heutigen Künstler wäre, sondern verkörpert ganz einfach das könig-
liche Bewußtsein der begnadeten Christenheit, der Christenheit überhaupt und des
mystischen Geistes der germanischen Gotik im besonderen. Wie in der Gotik der
Raum räumlicher und doch geistiger ist als in jeder anderen Kunst, so in diesem
Bilde das Körperwesen der königlichen Jungfraumutter irdischer und doch (durch
die Bildmittel der Fläche und verschiedenen Perspektive) getragener und erschei-
nungshafter, und so ist auch im germanischen Wesen die Geschichte mit aller Welt
am innigsten verbunden und folgt doch einem höheren überzeitlichen Rufe immer
wieder am unbedingtesten. In diesem Sinne ist uns das Bild von van Eyck auch
heute ein Symbol. K.W.

Geschichtliche Malerei ist seit den Jahrhunderten, da die Geschichte sich aus
der Religion getrennt hat, entweder Darstellung geschichtl. Ereig-
nisse, in der kein höherer Sinn lebendig ist oder gedachte Allegorie
und Symbolik, bei der die Geschichte nicht in der höheren Wirklichkeit
des Volkes gegenwärtig erschaut, sondern mit einer begriffl. Idee
oder pathetischen Ausdeutung des Stoffs verknüpft wird. ––>

10

Samstag, 22. V[Samstag, 22. Mai 1915]

abends Beicht in Bonifaz {heiße Tage an Pfingsten} (Telegramm [?VR] Vater)

Pfingstsonntag, 23. V.[Sonntag, 23. Mai 1915]

Kommunion, bei Caspars vormittags,
{Gespräch, auf Veranda über katharsis} mittags und nachmittags mit Ihnen
in Perlach, abends wieder bei Caspars. Pfingstmontag zu Hause, Abends Besuch Caspar
Nachts noch Anschlag gelesen daß Italien Krieg erklärt hat.

Pfingstdienstag nachmittag 25. V.[Dienstag 25. Mai 1915]

halb vier Uhr mittags Nachricht
Telegramm, daß mein Vater gestorben. Er ist am Pfingstmontag abend gestorben.
sehr heißer Tag.

Mittwoch 26. [Mittwoch 26. Mai 1915]

nach Ulm mittags und dann mit Gustav
heim. Heiß und schwül. Philom. [Philomene] Bab. [Babette] und Wilhelm schon da. Vater
weiß zugedeckt im Stübchen. Gesicht und Hände. Mutter aus Maiandacht
heim am Gänsbergele abgeholt. Dunkel werden, auf Straße mitten
stehn, reden, Mutters Mund und Augen, das wie im Kummer vergeistete selbst [?]
dann nachts 3 Rosenkränze Stube voller Leute Nachbarn.


Pfingstwoche Gedanke: Gott zu lieb

Donnerstag. 27. [Donnerstag. 27. Mai 1915]

5 Uhr früh Vater in Sarg, Hobelspäne und Asche.
8 Uhr etwa Abfahrt hinter Leichenwagen her vom Haus. Bevor
Wegfahrt stiller Halt und an Brücke bevor aus Markung heraus
auch stiller Halt. drückend heiß mit Wolken. {und heißer Luftzug manchmal} 9 Uhr Begräbnis.
über Hessental, Hessentaler Steige hinein vor Pfarrkirche.
in Kirchhof sehr nahelegende [sic] Leichenrede von Pfarrer Lacher {dann Totenamt}
Leichtrunk in der Schwane. Mittags heim. Nachmittags
Waad Kartoffel gesteckt Gust. etc, Brünnele Wilh. {Philomene in Schwesterntracht auf Feld ⟨.⟩ Acker} den dann über
Bergwiesen hinauf (Ähren blühen lassen im Mund

11

zu Vetter am Einkorn, etwa G. Kalbel [?] zum Fahren gewöhnt, ich auf Kleeacker bei Macken⟨..⟩ [VR]
Nachts Regentropfen auf Dach. Freitag morgens Kirche stille Seelenmesse
wegen Pfingstoktav, etwas Regen nach neigung und schwül. Dann vormittags
in Garten Gras gemäht, Gartenzaun mit Draht und Steinen.
nachmittag mit Gustav und Philom. nach Hessental. Abends im
Garten Beerenland gehackt, leichter Tropfregen. Salate etc.
gegossen, Levkoy. [?] Samstag früh bei Hessental hinter Einkorn
heiß, Klee geholt, Gewitterschwül. Samen. Gras. Nachmittags
mit Mutter nach Hessental, mit Mene nach Ulm gefahren,
schläfriges Wetter und in Aalen sehr starker Gewitterregen.

Sonntag, 30[Sonntag. 30. Mai 1915]

Ulm Gottesdienst in der kleinen Vorstadtkirche,
dann Mene fortgefahren nach Stuttgart, nachmittags spatziergang über Felder,
Quitten blühende Bäume an Scheuer. Nachts nach München,
Freising Jäger in Zug, ein Transport passiert bei Augsburg

Juni
Mittwoch, 2. VI.[Mittwoch, 2. Juni 1915]

(Montag abend Augustinerbräu, Casp. getroffen {bei Oberpollinger} [VR], der sich zum
Einrücken bereit macht. Dienstag ist er eingerückt um 8 Uhr, um
10 Uhr wieder zu Haus, abends bei ihm noch gegessen auf Veranda.)

12

heißer schwüler Tag mit langen Wolkenfedern und Schieben
Vormittags vor 12 Uhr großer Zug mit Soldaten fort, von
weitem in Brust und Leibhöhe der grauen gedrängten Menge
ganz rote Flecken, wie sie auf dem Bahnhof standen, von
den Pfingstrosen auf der Brust, jeden gelben Bergstock [?] (Flaskamp
in Landshut). Schwankend nicht halten könnend, fallend,
Zwischenzustand zwischen Geschichte und Natur.

Donnerstag, 3. VI. Fronleichnam[Donnerstag, 3. Juni 1915]

sehr heiß, vormittags in Stadt, Birkenbäumchen {Gewitter drohend blieb aber aus}, König
aus Domportal, Kardinal durch Vierung nach hinten.

Freitag, 4. [Freitag, 4. Juni 1915]

früh, schwül, nachmittags scharfes Gewitter
mit stürzenden Regengüssen; Samstag wieder heiß,
Sonntag, Montag Dienstag heiß schwül, Mittwoch morgens
bis 6 Uhr frisch, dann heiß, gegen Mittag donnerdrohend, Gewitter
mit Regen, launisch stark und matt, dürstend um Regen
das Gras verblüht und wird strohig und fällt aus der Ernte
aus den Samen vor der Ernte, (in diesem Vorsommer ist
in der Natur eine Sehnsucht, geerntet zu
werden, unter der Sichel zu fallen und wird nicht erfüllt
bis man weiß

13

Immer wieder kommen Züge Soldaten fort. Diese ganze Woche Soldatenzüge

Sonntag, 6. VI.[Sonntag, 6. Juni 1915]

Der Glaube der Apostel und ersten Christen an baldiges Ende der
Welt, die sich ganz in den geschichtl. Stand er-
hoben, aus natürl. Stand erlöst und so die Geschichte
ganz allein noch erlebten5 und die Namenshei-
ligung, so glaubten sie an das schnelle
Ende. – Obgleich Krieg auf Höhepunkt und Italien
ganz in Anfang und Einberufung jederzeit möglich, doch
Gedanke an die zu tuende Aufgabe größer als die
zeitl. Bedrängnis.

Mittwoch, 9. VI.[Mittwoch, 9. Juni 1915]

Entschluß: keinen Haß haben wollen.
Gedicht: Kalvaria.

Donnerstag, 10. VI.[Donnerstag, 10. Juni 1915]

was für große Dinge geschichtl. geschehen, ohne daß sich Mensch
im engen ändert. Napoleon. cfr Salomon Urteil
Modebestrebungen und ⟨.⟩ Veröffentlichungen gerade jetzt, diese
letzte künstlerische Empfängnis aus Trauer und sinnlicher
Unsicherheit. Gewand und Geschichte, nicht [?] verderbte Sinne
für [?VR] genauer Mode und Geschichte.

14

Montag, 14. VI. 15[Montag, 14. Juni 1915]

Wie dies Volk (ein Bild: Fischer mit Ziehharmonika am Sonntag
nachmittag gesehen, sonst nichts weiter) und die Bauern so merkwürdig
vor dem Hintergrund des Krieges aussieht, wie das Volk an
einer solchen weltgeschichtl. Sache teilzunehmen dazukommt,
dies Gefühl des verderbten Verhältnisses und seelisch ein-
fachen niedrig guten Volkes zur reingeistigen Welt-
beziehung und Fügung.

Herrlichkeit des Todes und der Menschensaat, aber
auch Sinn des jetzt nicht Fallens, Fortlebens,
Sinn der Geschichte (schließlich doch wie nicht in der zusammen-
hängend dienenden Lebensarbeit als Eigenwert,
sondern in der aufgelösten Freiheit fortzuschreiten durch
alles zeitliche Leben als den einfachen Anfang des ewigen,
bedeutet also Tod keine Trennung, sondern hochherzig
durch die Dinge frei in Liebe gehen können. Wir
wollen so leben.

Franz Niederlage bei Arras

15

Dienstag, 15. VI. 15[Dienstag, 15. Juni 1915]

Sobald jemand so viel Stoff hat, Boden hat, (Fideikomiß und Kapital)
daß der Boden (Stoff) ihn nicht mehr zu wahren {nähren} Sorge hat,
sondern er den Boden, der Stoff als zu ungebundener Herr
in schlechtem Sinn, dann ist es Zeit, abzuschneiden, so auch Fideikommiß
die kleinen sind besser als die großen; er geht nicht mehr in den
richtigen immaculata-Pietàgang der Welt, er ist nicht in der wahren
Spannung der Zeit und Erde.

Freitag, 18. VI.[Freitag, 18. Juni 1915]

Die Wandlung in die persönl. Bedrängtheit, das persönl.
Natur-Geschichtsproblem. Reiner Verstand; Glaube
ohne Werke. Wer hat, dem wird gegeben!
wird auch das wenige noch genommen.

Gräser ganz gelb zusammengedorrt, fuchsig,
nur einige hartstenglige Mohne [VR] und überall die
Schafgarbe wie kleine Pinien in Trockenheit
zugleich aufrecht beieinander [strichzeichnung von pflanzen]

16

Treue nicht ein natürl., sondern ein geschichtl. Sinn. Wer
im geschichtlichen nicht Treue hält, kann es auch nicht im
natürlichen (wer also der geheimeren Bestimmung nicht folgt
Romanstoff)
was noch bevorsteht, daß eingesehen, daß all das Einsehen an sich nichts wert war.

Dies ist der Raum, der der Zeit entgegenzurufen ist
(sein Leben ist ein altgeheimnis, nicht zeitliches, Abhängigkeit ist also
schon im Raum begründet, nicht in der Zeit) es gibt die
Beharrung, die Beharrung also schon als Treue festge-
setzt, wenn Eigenschaft betrachtet wird.
Beharrung ist nicht natürlich = geschichtlich
getrennt. Eigenschaft aber entsteht
durch diese Trennung und frei geordnete
Vereinigung.

17

Ob man mehr sich oder der Sache der Geschichte dienen
soll, Opfer bringen (durch unangenehmes, bloß gesellschaftfortsetzendes
(Redakt)Lesen oder sich zur Wehr setzen und angreifen.

Daß eine Kraft etwas Reales, nicht ausschaltbares
Deutschland ohne Zeit, so auch Gnade6.

Der Konservative, der weiß, daß er die Zeit
fallen lassen kann (darf) in den Verderb,
weil er weiß, daß er sie wieder aufhalten kann
mit seiner Raumqualität, er so stark
geschichtlich steht, daß er auf sich in der Welt zu ihm
kommend warten kann, Staatsmannidee
in wie weit vermessen? Fülle der Zeit!?

Man soll kein reclusenhaftes Volk (Rußland? [weiter nächste Seite]

inwieweit ist dies doch in gesellschaft wieder zu weit zerfleischte, zersetzte
nicht der heidnischen immaculata form Maßgrenze, die zwischen
Individuum und Masse Maß fand nicht teilhaftig wurde reclusen-
haft, ist hier der frühchristl. recluse noch eine Zukunft beschieden

18

(Türken, Islam?) zerstören, denn es ist notwendig
den Verderb aufzuhalten, wenn man geschichtlich
denkt, und eine langsame Entfaltung der Gnade
will, Ausnutzung, X Einwurf zwar zerstört sich nicht reclusen
Volk (England) von selbst, aber die Gnade kommt zu heftigerer
Entladung; vielleicht gewiß, aber nicht beim fortschrittl., sondern
vielleicht beim reclusenhaften wirkend. das Deutsche
Reformationsproblem und Kaiserproblem7

(Daß in geschichtl. starken, der Namens(heiligung)förderung
hingegebenen und hingerissenen Zeiten Hofnarren
nötig, um das wirkende, das sich luciferisch
beim allein Verantwortlichen einstellen wollende
auf diese unschädlichere und unsündlichere Weise
abzuleiten, in einer zweiten Person geschehen
zu lassen (Die Lust, die man bekommt, bei Versuch
zu geistiger Arbeit einen Kobold zu haben, der
der Versuchung nachgibt und dem man das mit weniger Reue 8

19

Samstag, 19. VI. 15[Samstag, 19. Juni 1915]

Dismas Ausgang: Asien wieder christlich gegen Fatalismus

Ob die Welt in der sichtbaren Art des capitalist. Verderbs
untergeht und also zum Verderb kolonisiert wird,
(Religionskämpfe und ihr Sinn und Sinn der Abenteuer) oder
ob man Asien, Persien etc wieder christlich machen soll
und die Geschichtsfortsetzung zum Antichrist in
einer erst folgenden viel feineren Verderbtheit
geistigere Allg. form geschieht! als man so leicht
einsehen kann, nicht einer materialistischen
(x formalistischen.)

Nationalidee als eine Verbilligung, Verstaatlichung [?VR]
und Verschlechterung der Berufungsidee, die also
auch von Jesuiten mitgemacht wird.
Rassenidee eine bes. falsche Erhöhung (im falschen
Sinn) ist natürlich dem Klerikalismus zu
gefährlich; sie halten sich immer ans

20

kleine, um das große nicht beherrschen zu müssen (sondern
zwar richtig aber doch unbeherrscht verurteilen zu können) das sie
nicht kennen.

Friedensidee, „wir sind einfach Techniker des Friedens“
fern jeder Romantiker Sentimentalität, Friede
nicht in Gedichten gefeiert, sondern in Zahlen. Wie
schlecht Friedensidee in dieser Kriegszeit ist, so
schlecht wie nie vorher, wird auch [?] andere Idee
schlecht in Krieg und ges. Kampfwille oder
bloß eine solche, die keine ist und sich nun
krampfhaft um ihren Platz und angebliche
dochwahrheit müht.

Sonntag, 20. VI. 15[Sonntag, 20. Juni 1915]

Spaziergang von Aying nach Holzkirchen

Im Sichdarbringen besteht das Opfer, der Aufent-
halt der Zeit im Raum, ihr Geschichts-
Kulturbegriff

Kreuzweg, gieriges Herz auf dem Lande
sehr heiß, gewitterig, aber es hat erst in einigen Strichen etwas geregnet,
sonst noch dürre, auf meinem Wege hatte es geregnet.

21

K.B. jetzt auch noch Berufung und Freiheit der Völker
aufnehmen.

Berufung, wie das Deutschtum Berufung
verloren hat. Der lebendige Gott cfr Israel
Tragische Idee des Christentums: wie ein
Mensch oder ein Volk im Verhältnis des Opfers, der Zeit
zum Raum, der Dreiheit von Liebe, Hoffnung
Glaube seine Berufung verliert.

Mittwoch, 23. VI.[Mittwoch, 23. Juni 1915]

Rabengekrächze engländernder Katholiken
⟨1⟩, Katholizismus kulturell
unfruchtbarer Art, Humanitäts Wissenschaftsre-
naissancismus und Engländertum, dagegen
Tüchtigkeit des prot. unkulturellen Preußentum.
Deutschtum in sich und für andere ein Prüfstein;
geheimer Argwohn immer wieder über die deutsche9

22

Donnerstag, 24. VI. 15[Donnerstag, 24. Juni 1915]

Der helle Morgen mit schattig fleckig farbig blaufestem
weiten Horizont, etwas wieder Föhnlage

Moses, gelobtes Land,
der faule Knecht
Noch besonderer Reichtum vor dem Ende

Eschatologie
Der fürchterliche Gott, daß man ohne sich selbst
versuchen zu wollen, noch mehr sich verschulden,
schuldig werden muß schon im Blick auf die
große Aufgabe. Lucifer, das Geheimnis,
daß man mit dem bösen Prinzip arbeiten
muß, Teufel lacht, daß man ihn braucht, daß
sich sein Erbe in der Welterhaltung fortpflanzen
muß. Als Erscheinung am Sinai, da wo die Tafeln Mosis liegen.

23

wo hat M. doch auch die Kraft her?

Bis jetzt immer starkes Betonen und Sehen wollen
des Weltplanes, heute auch die geheimnisvollen
wühlenden Kräfte, Satan, und wie viel nicht der
Einzelne Mensch, sondern der Verberb in einer
allg. Abwärtsneigung, Mittelsucht, nicht nur,
sondern in einer [?] satanischen Menschenabsicht,
Belzebüberei zu suchen ist (M. Jugendvorstellung)

– unhieratische Vergesellschaftung-Gespräch.
Einsicht und Angstgefühl, daß nicht nur method.
durch Mittel begründeter Verderb Weg, sondern daß eine
reale böse Kraft in Welt! Plötzlich das
unheimliche Gefühl des satan. Elements in der Welt.

[ nach 1 Uhr mittags Gewitterregen fallend, aber nur
den Staub nässend, nur einzelne dunkel schwarz-
blaue Regenwolken, sonst blaue Himmelsstellen und

24

starke Wolkenbrücke quer hintereinander wie über einen
Fluß gebogen über den weiten ganzen Himmel hin nach Westen
mit Oberlicht ⟨1⟩ erleuchtet, gelegentlich aber von von oben Wirbeleindrücke
wie barocke Kuppellaternen. weithin tief himmelblau,
dunkel blaudunstig, mattsilbern und gelb wüsten-
artig leere Wiesen, Gras vertrocknet, Fuchsgelb

Scham, sich immer wieder von Gott treiben zu lassen
und durch äußere Mittel, Gnadenfristen,
Arbeitszeiten, die er gibt gegenüber anderen,
sich zu neuen Vorsätzen zu versehen, neue
Erfahrnisse anzusammeln und fruchtlos zu
bleiben, so wie ein geschobenes Tier; das
sonderbare Mitleidsempfinden, das man noch
Gott und die Erlösung fühlen möchte, daß so
viele Gnade und Mühe so wenig fruchtet 10
diese Art von Vermessenheit und Trägheit

25

Freitag, 25. VI. 15[Freitag, 25. Juni 1915]

Deutschland als Welterzieher, ein Buch über deutsche Charak-
ter
kultur von J. A. Lux [Josef August Lux]. Erzieher und Charakter,
das sind die beiden Worte so eitel und leer. So bei den
journalistischen Tropfen schön beisammen und ihrer leeren
maulfertigkeit und deutschschädlichkeit

Montag, 28. VI. 15[Montag, 28. Juni 1915]

Samstag nachmittag nach Perlach zu Fuß, sehr schwül
stechende Sonne, starke Wolken und Wände aller
Seiten gewitterlauernd, da und dort einzelne starke
Platzregen gewesen, in Straßen auf Perlacher Höhe lange
Tümpel von starken Güssen, aber doch nicht Regen für das
dürre Land, nur da und dort überschluckt. Ein Schauer,
bis abends wieder in Wärme verzehrt. übernacht Bier und
Gespräch in Wirtschaft. Perlach Holzbau. Sonntag vormittag sehr
glitzerig und nicht augenleidend heiß, wasserdurchgesättigt
Neubiberg, Wald trocken und stück⟨..⟩ stenglig blühend

26

und Schmetterlinge, kleine Erdbeeren. Nachmittags in Garten
heiß, große glänzende Fliegen wie stehend in Luft und sehr schnell
Platz wechselnd, Mannshöhe. Unterbiberg, abends heim.
Wieder allmählich kühl, gegen Westen gewitterlauernd über den halben
Himmel hin, bricht aber nicht aus. Sondern langsam setzt Regen ein.
(Mitternacht geschrei aus Schlaf weckend nicht mehr R verstan-
den [VR]) mit Regen horchend wie wenn Schritte
gingen und jemand nicht fortgehen wollte, sondern tappte und lauerte
Auch Montag Regen langsam zunehmend,
stetig gleich fallend bis rauschend am Nachmittag.
Erde wird allmählich weicher und fängt an, die Tümpel auf
den Wegen zu trinken und aufzuschlucken. Wiesen
gelb gebrandet strähnig mit weißgelben Binsenhalmen,
die sich allmählich aus der Starre biegen, rupfig und
große grüne Graskräuter Sträucher, aber kleine nicht mehr.

Dankbar heitres Entgegenblicken der Leute,
selbst gute Gefühle wollen natürlich wie eine Quelle
unter dürrem Gras verborgen quellen, daß man plötzlich ein Glitzern sieht.

27

Das Gebet des Glaubens, Lob
Das Gebet der Hoffnung, Dank
Das Gebet der Liebe, Bitte Joh Kommunion

Bitte ist das letzte Wort, es beendet
die Welt, der Erlösung gewiß.

Dieser erste Regen dieses heißen Erntejahres
Einschnitte in Sommer zwischen die Ernten.
wachsen wollen in Gemüt und Gefühl, keine
Liebe haben. Herr laß mich einfach wachsen,
Früchte bringen! Nicht gefühllos Recken.
Die Gefallenen in der Erde, wo sind jetzt die
Fliegen und Schmetterlinge. Bäume stehen ohne
Gruß.

Der Neid als die treibene [sic] Macht in
der gesch. Pietàform, in der 3. Zeit

28

Schluß des Buches: Liebe und Neid – als allg. Gegenseitigkeits
verhältnis
Hoffnung und Geschichte, Dankbarkeit
Glaube und Besitz, Berufung und Liebe

Serbien Nationalidee, Rußland recluse Kirchenidee,
Engländer Pietà Handelsidee; Frankreich gesch. immac. Racheidee
Phantasie
Italien Freimaurerei Problem der Bürgerlichkeit
Bewegungsfindung

Dienstag, 29. VI. 15, Peter und Paul[Dienstag, 29. Juni 1915]

Trübe, regnerisch brütend11, Spaziergang
nachmittags von Weßling über Grünsink, so lange
in Kirchlein, außen schon fallender Regen, Etterschlag,
Inning, Stegen [Inning am Ammersee], heiterer Abend, Schiff sehr
kühlwindig nach Herrsching, durch dunkelnde-
bis-Nacht-landschaft heimgefahren. Gedicht in Bruch-
stücken anfangend auf ganzem Weg.

Mittwoch, 30. VI.[Mittwoch, 30. Juni 1915]

nachmittags starke Güsse

29

mit glitzernden Aussichten, starker kühler Lufthauch frischer
als bis jetzt.

Vertrauen setzt Leben fort. Wie aber mit
letztem Wort, das man fürchtet Mißtrauen
hat, verglichen, böses Gedanken übereinstimmen?
Eitelkeit, man könnte das letzte Wort finden,
seber Maß und Eile [?] setzen wollen. Blitz
herabziehen und aufhalten.

Wie ist der Reichtum der Natur und auch die
Geschichte so groß! Bitte um das Leben,
um teilhaben zu dürfen an der geschichtl.
eingegliederten Gnade, an der Substantia-
tion. Teilnahme got. Substantiierung,
nicht Substitution

Donnerstag, 1. Juli 1915[Donnerstag, 1. Juli 1915]

sehr starkes kurzes Nachmittagsgewitter mit stürzendem Regen

30

Bei Bögner [VR] gegessen. Eingezogene mit Köfferchen großer Trupp patschnaß
begossen in Regen und Gewitter durch Kaufingerstraße, sehr starker
Blitzschlag, wie ich zu Red. unten hineingehe.

In Italien hat das futuristische zerstören wollen
mit Hilfe der Bürgerl. Problemgemeinheit und
Freimaurerei gesiegt und Willen durchgesetzt,
⟨1⟩ der Fortschrittlichsten, mit dem man als stärkster
gesch Kraft rechnen muß und sein eigen darnach
aus weiten.

(ff. Tage Gedanke der eigenen Dreifaltigkeit
zu Zergliederung, um so Seele zu helfen
das in Gott recluse, das Gesellschaftl. und das
Abwärtige.)

Sonntag, 4. [Sonntag, 4. Juli 1915]

Sinai gebote. Pasing, nachmittags
mit Flask Mühle

Mittwoch, 7. VII. 15[Mittwoch, 7. Juli 1915]

Architekturwerke, Schmarsow, Frankl. gelesen [August Schmarsow, Paul Frankl] Die
geschichtl. Formen und Verhältnisse müssen am stärksten unter

31

sich getrennt und gegeneinander gespalten werden
mit Hilfe göttl. Urteils, der 3 göttl Tugen-
den als Kriterium.

Mittwoch, Donnerstag, Freitag heiße schwüle Tage mit Abendgewittern
oder Neigung dazu, nachts Regen

Dienstag, 6. VII. 15[Dienstag, 6. Juli 1915]

Frankreich Spezialfall der Renaissance bis heute geblieben
deshalb zum Untergang verurteilt. Wie kommt es, daß dieses
Gotische anfangsland dann aus dem german. Volksgeist
ausgelöst wurde und vergabt [VR]? (mit seiner ⟨..⟩gepflegten
selbstumzirkten Persönlichkeits kultur

Samstag, 10. VII. 15[Samstag, 10. Juli 1915]

Die wahnwitzige Verleumdungssucht, belgische Greuel etc die sich gegen
den erhebt12, der dem Ruf der Geschichte
am unmittelbarsten folgt ist ein
Teuflisches Geheimnis des

32

inneren geschichtl.-gesellschaftl. Lebens. Wie
sich die Lüge zur wahren, gottdramatisch geschaffenen
Geschichtsfortsetzung verhält, cfr auch Lüge gegen Christus
der die Zeit fortsetzen will („er hat Gott gelästert “)
Lüge hilft sich immer mit und bei der Frömmigkeit
Teufel Lügner von Anbeginn; Wie aber die Lüge dem
Dasein dienend durch Gnade im höheren
geschichtl. Sinne als der wahren, berufensten
in Geheimnis lebendigsten Geschichtsfort-
setzung hinderlich, feindlich ist, die
Fortsetzung der Welt und auch den über dem bloßen zeitl.
Generationswechsel stehenden höheren Berufungs-
gedanken, der die Generation in der Idee und
Örtlichkeit verhüllt, vernichten möchte
s. wieder die Gnade eigener Einsicht und gesellschaftl. Ohnmacht.

33

Montag, 12. VII. 15[Montag, 12. Juli 1915]

Heis koiranos. Aristokratischer Grundsatz der
Volksleitung, jede Menge braucht zu lange Zeit das Volk
oder die Zeit in der Topik zu fixieren. der fortschreitende
Geist wie auch Staatsmann muß sich mit der mehr zurück-
stehenden als der wahren Kraft vereinigen. Schätzen der reclusa bei
den Völkern, so auch Volksherr.

Russisch; Meir = Dorferfahrung, in Rußland reclusa
zu sehr gesellschaftl. kastenartiger Art; reclusa
muß mehr einzelrede, familienreclusa sein.

Dienstag, 13. VII. 15[Dienstag, 13. Juli 1915]

Morgen dreiviertel 8 Uhr Licht vom bewölkten Himmel wie und hingeneigt gegen
Osten und 6eckig
also nicht
Scheitel

Barock Kuppellaterne Gewölke geformt

ein Strahl wie Wassersaugen. Bäume oben hell
von Osten, aber die Kronen vielfach herabgefurcht
wonach unterwärts dunkel von unten hergestellt
dadurch schwer und doch in den Stämmen hochstehend. Land
brandig ⟨..⟩terot, hell und Straßen räumig, Art der
leicht dunklen Zeilenartig Baumkronenschatten auf Ernteackerhängen

34

Barockartig (lotrecht gedreht) aber jäher und gespannter, Kämpferbäume
in Spannung in Boden. Diese Spannung sieht hell aus aber
fest (⟨1⟩ [VR: Fertigung] zwischen), dann Himmel stärker überdreht
– Tag kühl und schwühl [sic] abwechselnd, Nacht auf Mittwoch
starker Sturm Ost und Südost Südwest, starke Regengüsse

Mittwoch, 14. VII.[Mittwoch, 14. Juli 1915]

morgen und Vormittag sehr stürmisch mit auf-
gelösten Lichtern in Wolken. Die Tage füllen in den Worten und Stimmen
und die Verzweiflung am Werk und ganz ruhiger [?VR] Mut

13 Brudermord, einen töten, dadurch daß
man seine eigene Bestimmung nicht verfolgt
Das Gotische Tun müßte doch eigentlich der
Geschichte natürlicher und leichter sein, weil
nicht abgetrennt. (Es muß also leicht sein, eine rechte
Zeitschrift zu machen.)

Donnerstag, 15. VII. 15[Donnerstag, 15. Juli 1915]

Ghibellinen Doppelte Treue. Prot. ⟨1⟩ [VR: weil] man etwas eigenes anfängt [VR].

Freitag, 16. VII. 15[Freitag, 16. Juli 1915]

„Das deutsche Weißbuch wurde gewogen und zu leicht befunden“. In
Politik und Gesellschaft geben die Tatsachen immer bessere Gründe

35

und die bösen Worte der Mitte, der immer schlechten Gemeinkraft her als die
Triebkkräfte und Berufungen, diese Art Gewissen. Daß sich der
Mensch gemein machen muß mit Ges. und Geschichte, daß uns
auch unsere Zeitgenossen meist kleiner erscheinen als frühere
Geschichtshelden, da sie noch die Gemeinheit mit uns haben.

14 Der Katholizismus ist, seit anfing, die Zeit dem
Ort überlegen zu sein, eine Schwergewicht und
Hemmung der Geschichte; (Kampf ums Wort,
die Mitte, die Dichtung)
Das soll aber bewußt und vollendet sein,
nicht nur als im Centrum ein Trägheitszustand.
Gedanke: Rachsucht statt Energie Es muß einer ein
besonderer sein,
sonst findet er
einen anderen
besonderen nicht

(Hochland, S. 571 Juliheft, „Osten hat Gott verlassen
zu einem Dialog)

Ob der deutsche Geist seine letzte Blüte, die die
höchste Menschheitsblüte wäre, erleben wird
Analogie aus dem Vergleich zwischen Reims und Köln
Ghib. Karl V. Idee schon damals aufwerfen

36

Heimweh gerade diesen ganzen Sommer nach Gras,
Wiesen, Bächen, Äckern und Garten und Heimat.

Rachsucht15 vermeiden und selbst die Freude, daß man weiß,
jeder wird durch seinen Charakter geführt und seine
Werksetzungen verraten sich selber.

16 warum immer schwerer wird; weil Genuß der Gnade
und Einsicht ohne Tätigkeit immer mehr an-
sammeln und Akt, wieder einzuholen, desto
ungeheuerlicher einmalige Lebensnatur willens-
anstrengung sein.

Noch mehr Freiheit als Berufung ist freiwillig
ins Feuer, Gott zu lieb – Stoff
Gott und Natur, wo ist das Fundament der
Freiheit, wo die absolute und freie Natur?

II sich verfluchen braucht Tatsachen
braucht keine Tatsachen unerschütterlich passiv
die wahre Hoffnung als Tugend ist Aktivität17 und muß mit dem Stoff
arbeiten und die Natur nicht fliehen, sondern Bearbeitung (Paradiesfluch)
sondern in Geschichte begriffen und ergriffen übersetzen.

37

Die Natur und Naturalismus immer gegenüber Geschichte und Hoffnung
Ein Weg als ein Gegensatz aber Fundament in Liebe.

III heimlich verurteilt zu Untreue als Lebens-
last aufgelegt, weil nichts in Natur treu
geworden 18, sondern bloß in Geschichte
Erbsünde sich wie Geschichte äußernd als
zur Untreue verurteilt.

Die Aufbewahrtheit wie ein Trost: sieh deinen
Sohn, sieh deine Mutter!

Freimaurerei Bekämpfung des Opfergeistes ihr
leitendes Prinzip (cfr. den Aufsatz von Rennert in d. Südd. Monatsheften) [Süddeutsche Monatshefte: ›Die Freimaurer in Italien‹ von M. Rennert (Juni 1915)]
also gerade antichristl. Idee. cfr. aber auch die Absicht
des P. Desiderius (auch gegen Opfer, ⟨2⟩ gegen das geschichtlich voll-
brachte, sondern nur in der Gegenüberstellung vorausgenommen. 19

Perfidie Englands, Schmerz künstlerisch künstlich
auszuüben und ästhetisch mitzufühlen, den man
selber zufügt, welche geschichtl. Fatalität.

38

Gott zu lieb, ob das Stoff gibt diese teilweise
vage Red. Mantel tragen
vorkommnis [VR]
am 9. IX. nachgetragen

auch in Geschichte und dem gesellschaftlichen
Verhalten rechte Würde wahren [VR]

gedanken: gefühlsstreit
wegen der Mutter, die still duldete
dieses Erbe [VR]
nicht bloß in der Natur und sich selber
zu sehr, d. h. bloß sich abtöten und wegwerfen
sondern im Plane (cfr. russische Seele Dostojewski)
und eigenes Verhalten
in Erkenntnisdingen fest, im Natürl. zur
Unterwerfung geneigt im geschichtl. nicht stark
falsche reclusa

Versäumnisse

Das Geheimnis des bösen Triebes z. B. bei
Betrachtung von Architektur Klassik und dann wieder mod. Kunst

20 Die Frage für die Völker, das Schuldbekenntnis nicht zu
einseitig werden zu lassen. (Reformation) es ist eine
Frage der Naturverhängung,nicht eine Hoffnungssicherheit
der Geschichte, es kennzeichnet den seelischen, schein-
bar ethisch persönl. besonders wertvollen Zustand
von Völkern und Menschen, die ihrem Berufe ausweichend der Abkehr gefolgt sind.

39

Dienstag, 20. VII. 15[Dienstag, 20. Juli 1915]

Siege in Polen, seit [VR] Samstag; Sonntag in Perlach, Regenwetter
und gewitterig, Montag kühler Westwind

Nachdenken über „Gott zu lieb“ und dabei wieder eine mehr
als zu früheren Zeiten gefühlte Gott und Weltverlassenheit.
Daß Gott wohl bes. starke Liebe immer durch größeres Ver-
lassenheitsgefühl noch mehr probt und anspannt. So
dieses Pietàgefühl zu stande bringend und die 3.
Zeit, die Zeit der Verlassenheit. Die Zeit der
Teilnahme ist die Zeit der Verlassenheit
(Opfer) durch Ölberggefühl und Kelchannehmen.
dann wieder Tröstung, da gerade auf Stelle in Bibel
aufmerksam gemacht Math. 13/13 für das eigene
Wirken und Sein und immer dies sich ähnlich im
Schicksal angleichen mit Christus, diese Ver-
messenheit und doch zu sehr Trübsal, um Eitelkeit
ausschließlich zu sein.

40

Mittwoch, 21. VII. 15[Mittwoch, 21. Juli 1915]

Einsicht in deutsche Zukunft nicht moralisch sich lohnend,
sondern intellektuelle, sondern Leiden wollende Natur
Zuerst zu wenig geistig vorbereitet, jetzt vielleicht zu
viel vom Krieg erwartet, Hinblick auf Orient, während
die Geschichte ihre Zeit braucht.

[Es folgt ein eingeklebter Artikel aus dem Hochland]

Daß der Krieg von 1870 dem kulturellen Denken und künstlerischen Schaffen
Deutschlands keine geistige Erhöhung gebracht hat, mag verständlich sein; denn
die engeren nationalen Ideale sind noch kein Boden für Ideen und mehr als gegen-
wärtige Gefühle. Daß aber auch die Kriege um die Befreiung des deutschen Wesens
vor hundert Jahren keine wesentliche Vertiefung des deutschen Wesens und keine
Kulturhöhe gebracht haben, da ja die Romantik schon vorher erblühte und nach
dem Kriege mehr in Liebhabereien für Geschichte und Sage verloren ging, ist
doch ein Zeichen, daß die kulturelle Reifung des deutschen Volkes mit dem Heran-
reifen des deutschen Staatswesens und Reiches noch nicht in gleichen Schritt ge-
kommen ist. Durchblättert man Werke wie das Steinles oder anderer Ro-
mantiker, so findet man, daß gerade jener Gehalt, der z. B. im deutschen Mittel-
alter in Christophorusbildern als deutsches Weltgefühl lebte und der in unserer
Zeit zur deutschen Weltaufgabe sich verdichten müßte, hinter Empfindungen idyl-
lischer Lieblichkeit oder legendenhaften Erinnerungen und religiösen Anmutungen
verschwand. Immerhin ist vor hundert Jahren wieder ein deutscher Geist im
Gefühl seiner wahren Vergangenheit erwacht. Wie wird er nach dem großen
deutschen Kriege unserer Zeit erwachen? K. W.

[rechter Rand neben Artikel]
21 England Offenbarung Tierabstammung Darwin
starkes Gefühl
bis abend in Perlach
bei Sturm regen beisammen
sitzen „Gieb mir die Frist
und rechten
stillen Glauben
Regen und schwühl
in Perlach im Haus gesessen
vormittags durch Ortschaften

Freitag, 23. VII.[Freitag, 23. Juli 1915]

Abends bei Tietz Tram Guido Vögele getroffen.

[Randbemerkung]
rote und gesp⟨..⟩ Bohnenblüten

Bahn nach Fasanengarten [Fasangarten (Münchner Stadtteil)], starkes Gewitter mit
heftigem Sturmregen bei Aussteigen. bei Gewitter-
leuchten und Sturmregen nach Perlach Straße nicht bekannt.

Samstag, 24. VII[Samstag, 24. Juli 1915]

Siege in Polen (oder 8 Tage vorher)

Sonntag, 25. VII[Sonntag, 25. Juli 1915]

in Stadt. Guido
nach Pasing, in Stadt Caspar. P. Callistus, P. Desiderius.

41

Samstag.?[Samstag, 24. Juli 1915]

Das Friedensschreiben des Papstes. Wundern, daß
Papst der Geschichte in Weg treten will. Ist hier Glaube doch noch eine
höhere Tugend, ein Vertrauen auf übergeschichtliche, Gehaltserhöhrte [sic]
nicht bloß geschichtsgeplante und gefügte Macht?! das
Problem der eigentl. Tugend im Übergeschichtlichen.

Mittwoch, ? 28. Juli[Mittwoch, 28. Juli 1915]

Friedenskundgebung des Papstes.

Donnerstag, 29. VII. 15[Donnerstag, 29. Juli 1915]

warum kein Ende? weil Natur Sünde immer
eingesenkt? falsch ausgedrückt.

Wenn man auf Rache verzichtet, dann ist auch
das zu große Mittel nicht mehr zu groß.
wahre Quelle der Kraft ist der Verzicht auf
Rache, die wahre Liebe, das wahre Vertrauen.

Samstag, 31. VII. 15[Samstag, 31. Juli 1915]

die kathol. deutsche Abwehrantwort auf die französ.
kathol. Angriffe, leicht auf die lächerlichen einfältig blinden
Vorwürfe zu antworten, aber auch so [?] ist noch etwas unausgesprochen:

42

: das eigentl. Weltproblem, Zeitlichkeit (im deutschen
Katholizismus schon lange nicht recht wirkend), das sich
fremd der franz. gegenüber befindet.

22Sich halten an das deutliche Wort, wahre Religiosität
in Rel. erfahrung


Regendrohen und Tropfen
immer noch Bohnenblüte

Nach Krieg vielleicht Aufrührung und Durchschüttelung
in den höheren Ständen, wie es auch für neue Kultur
mehr sein muß als in den bloß socialen.

23 wahre Liebe gegenüber der Rücksichtnahme und dem Warten, ob man Anerkennung findet; wahre Liebe tut alles und hat
mehr Ellenbogenfreiheit, das andere ist eitle Trägheit.

Kunst im Anfang des Kriegs und heute, wie der neue
geistige Stand eintritt. Zuerst das ästhetisch eifernde
Mittun, zuvor tun wollen, jetzt entsteht durch
Verschlucktwerden wahre Teilnahme, Not-
gedrungenheit

43

August 1915
Dienstag, 3. August[Dienstag, 3. August 1915]

vormittags föhnig warm windig
2. Musterung auf Pioniertauglichkeit, Frühschoppen mit
schwäb. Schäfer in Tierpark (Regen) Hut in Affenhaus. Abends
Flaskamp fort nach den Vogesen. Nachts starker Regen

Mittwoch, 4. VIII[Mittwoch, 4. August 1915]

zweifelhaft und Regenwetter. Abend, deutsches Haus, Caspar wieder militärfrei.

Sonntag, 1. August[Sonntag, 1. August 1915]

warm und windig, Pasing, nachmittags
botanischer Garten, umgekehrte splitternde Blätter. Soldaten-
lied „wohl Kameraden“ [Wohlauf Kameraden, Schiller?], in Gewächshaus Victoria. Wie Maria mit
den Frauen umging: junge Mutter legt Sohlen an die Erde.

Montag, 2. Aug.[Montag, 2. August 1915]

Abends starkes Gewitter, Blitze wie
gekreuzte Klingen hinter den Bäumen in schwärzlichen
Tiefen. Sturmrauschen und Regenprasseln. Donnerrollen

Freitag, 6. VIII[Freitag, 6. August 1915]

abends auf Königsplatz Siegesfeier (nachher mit Caspar Löwenbräukeller)

Sonntag, 8. [Sonntag, 8. August 1915]

bei Caspar, dann mit ihnen in Botan. Garten
schöner Tag

Montag, 9. [Montag, 9. August 1915]

abends mit C. Augustinerkeller

Dienstag 10. [Dienstag 10. August 1915]

heiß und schwül 2 Uhr mittags Gewitter mit starkem Regen, dann
gleich wieder Aufhellung

44

Dienstag, 3. VIII.[Dienstag, 3. August 1915]

Der Mensch, furchtbare Wahrheit, ist für sich allein
verantwortlich. – Vorm Tod gilt nicht der besser
erkennende, sondern der gut oder schlecht erkannte
Daß man nämlich nicht für seine Leistungen bei der Ges. und
Geschichte Verdienste hat, wie auch der weitest vorstür-
mende Soldat am ehesten und ungedanktesten fällt,
sondern im Hinblick auf ein Ziel und die eigene Verantwort-
lichkeit: Alle Maße gleichen sich in der ewigen
Ruhe aus.

Donnerstag, 5. VIII.[Donnerstag, 5. August 1915]

Je näher der Soldat dem Krieg, desto {von [VR] Ölberg} wirkli-
cher dem Nachdenken auch vom Grausen des Krieges
und Todes. Was dem Opfer beigemischt ist, Bitter-
keit, nicht wie Heilige sich ins Feuer stürzen, sondern
das wirklich Bittere muß dabei sein, das Lebenskelchbittere

45

Dienstag, 10. VIII.[Dienstag, 10. August 1915]

Auch Beobachtung: Schiebung und Verfilzung der Geister
während des Kriegs

Wer vertritt noch die Hoffnung (im größten Sinne)

Es ist Zeit und Not, den Charakter endlich zu ver-
raten. Pflichtig die Gesellschaft eine Strafe
(Pietàempfindung) Anknüpfen.

Mittwoch, 11. VIII. 15[Mittwoch, 11. August 1915]

Heute das lebhafte sichernde Gefühl, das immer [VR: un-]
fatalistisch war im Vertrauen, daß leiten
kann und Leben in Hand haben, ein bestimmtes
Ziel nehmen muß und kann – Dies alte Wissen
heute gefühlt wie ein neues Können.

Donnerstag, 12. VIII. 15[Donnerstag, 12. August 1915]

Der Zwiespalt, der sich lächerlich und
unangenehm auftut zwischen Vielbeten und Nichtstun, diese
Art von Verderb.
III Die Unterschiede unter den Menschen müssen groß werden

46

Freitag, 13. VIII. 15[Freitag, 13. August 1915]

Immer wieder die Gewissensfrage des Treuehaltens
(ist auch fauler Knecht dahinter) dem geistigen Kreis,
durch den man, wenn nicht gebildet, so doch
genährt wurde, und das Suchen der absoluten
wahren Form gegenüber den geschichtl. Fortsetzungsver-
diensten ob es auch in Sünde katharsis
Extrem und wie weit es wirklich reines Wollen ist.

Vor ein paar Jahren in Gespräch gegen Charakter
und jetzt (Flaskamp recht) und es ist Zeit, sich in Charakter
zu proben, zu viel Wachstum und zu wenig
Frucht.

Lucifer Anfangen sich einen Charakter
geben müssen gegenüber der ungetanen Voll-
kommenheit, gegen Hoffart, aber das gefährlichste
Menschliche.

47

Samstag, 14. VIII. 15[Samstag, 14. August 1915]

Treue, die den Stoff nimmt

3 göttl. Tugenden, die den Stoff wieder geben
das bloß verantwortlich Korrigieren wodurch man
nicht zu Tat kommt, oder das menschliche Tun,
wodurch man freier, aber weniger besser, vollkommen wird.

soc. ant.: Leute, die es nicht gut, sondern bloß eifrig meinen

Man darf die Qual nicht zu gern
haben
(Rußland) Haftung Hoffnung

Montag, 16. VIII. 15[Montag, 16. August 1915]

Charakter bekommen, daran liegt Wendung
dieses Jahres.

paradoxon, nicht Einsicht bewahrt vor Dumm-
heit, sondern Charakter, Einfalt auch nicht durch Einsicht,
sondern durch Charakter

48

Das Erstaunlichste ist die Führung, stärker als Natur
und Geschichte, als Barmherzigkeit etc

Gegen Talleyrand Ränke, Art des Verderbs der Staats-
welt, daß sie immer mehr die Gerechtigkeit des
Radikalismus annehmen muß, um sich zu erhalten.
? Aus dem Radikalen unrecht unreifen ins Höhere
übergehen, das gibt die Kraft der Geschichte
Preußen, Österreich.

Dienstag, 17. VIII[Dienstag, 17. August 1915]

Charakter als persönl. Aufgabe aber auch gesell-
schaftl Wirken.

Das ist das liberale und radikale Stigma des
Wirkens
, daß Humanität und Eintreten für
Gutes und Gerechtigkeit scheinbar stärkste
Unparteilichkeit ohne Charakter des Selber
eingeordnet- und bekannt Seins.

49

cfr Simplizissimus gewiß alles im Frieden verächtlich machend, nun
im Kriege plötzlich patriotisch heftig tuend, nur möglich, weil beides,
ohne die Bestimmtheit der geschichtlichen Gegenwart, ohne Charakter
(darum auch dichterisch sentimental aus bloßem Gegensatz wirkend).

Die höchste (cfr Desiderius Versuche) geschichtliche oder
vorgeschichtliche Form ist ohne Charakter über Charakter
die niedere bloß innermenschliche ist unter
Charakter, 24Pietà und Charakter

III Pietà Kapitel als Geschichte des Charakters
Daß Charakter nicht gleich ist mit Gerechtigkeit
sondern mehr und aber Eigenschaft in sich haben soll.

Mittwoch, 18. VIII. 15[Mittwoch, 18. August 1915]

Abends Redestreit über Waffensegen des Evangeliums,
daß Christus und der Krieg unvereinbar seien,
wohl vereinbar Christus und der Krieger, aber nicht Christus
und der Krieg. Krieg ähnlich wie Sünde zu betrachten
in geschichtlicher Notwendigkeit. Lauf und Sinn

50

des Weltgeschehens und gegenwärtige Führung sei nicht
zu sehen, dürfe und könne man nicht sehen, nur
der Einzelne muß für seinen Einklang mit
Christus sorgen und sich dem Kriege unverantwortend
fügen.

(u. a. nicht ausgesprochen, da in diesem augenblick Soldaten mit Musik
fortzogen auf Bahnhof

Joh: Man darf sich der Einsicht in geschichtl. Ordnung
nicht entschlagen, dadurch eben haben wir (Katholiken)
keine Wirkungskraft in der Zeit (während das reine Weltwesen
dem Zuge des Verderbs wirkend folgt), weil wir bloß
persönlich, immer das (ästhetisch, duldend, ethisch) Indi-
viduelle, aber nicht das geschichtlich Mittätige verant-
wortlich haben. Eben es fehlt der Glaube.

Individuelle Frömmigkeit und elegisches Vertrauen
ohne Glauben, falsche altklassizistische Auf-
fassung der Tragik eben deshalb Tragik
liegt nicht im allg. Mitdulden müssen, ohne

51

persönlich verantwortlich sein zu können, sondern
im persönl Verantwortlich sein vor der Geschichte,
im Verstehen der wahren Berufung, in der
inneren Grenze, in der inneren Tragik, die
erst durch Christentum in Welt ist.

[Zeichnung von Gitter] Es handelt sich um den wahren Sinn des
Tragischen (cfr am gleichen Tage aufsatz wieder verderblich für unser kath.
Lager die tragischen Widersprüche der menschl Gesellschaft) diese
Menschen erkenntnissportheit [?] ohne Teilnahme an der
wirklichen Veranlassung, sondern nur im Abstand (Saitschick) [Robert Saitschick]

Das wahre und falsche Opfer

J. Komm.: Wir wollen leben und sterben
für den Sinn der Welt.

[in meinem Charakter ⟨.⟩ Fatalismus und Fanatismus
Leidenssinn

52

Donnerstag, 19. VIII. 15[Donnerstag, 19. August 1915]

Der Mensch ist nicht zum Leiden auf der Welt, sondern
zum richtigen Gebrauch der guten Passion und Buchfortsetzen
(Fortsetzung der Passionsidee des K. B. Tagebuchs in positiv Gesellschaftl. Sinn)

Das Ritterliche und das Bürgerliche

falsche katholische Unterdrückungs-
Leidens [geschweifte Klammer über zwei Zeilen] erwünschtheit

Diese Einsicht ist gefolgt wieder [Pfeil nach unten]
Wieder Gespräch: von mir bemerkt: Glaube, daß Deutschland
siegen muß, wenn die Kulturanfangsrichtung
der letzten Jahre Sinn haben soll, dagegen
M. [Muth]: Ja vielleicht sei Deutschland zur Niederlage
(bestimmt) verurteilt, da es vielleicht gerade in Nieder-
lage besonders gute Werke schaffen könne und
ja auch getan habe, so vor 100 Jahren in Schiller
und Goethe. Dann ich: das sei nicht die wahre deutsche Kunst
darauf dieses Berührte abgebrochen und anderes Gespräch weiter (Projekt)

53

Ich aber bin jetzt (gegenüber der eigenen bisherigen Zweifelsucht)
in Bezug auf den deutschen Passionsglauben gesichert
und hoffe auf Mittelalter, wir müssen nicht leiden,
sondern der Klassizist braucht seine persönl. wohl-
tuende Harmonie Täuschungsform gegenüber dem allg.
Leiden, der Gotiker aber ist der Geschichte auch
in Sieg persönlich leidend verpflichtet, braucht
eben [VR: aber] den Sieg zur Erfüllung der Weltbestimmung und
Geschichte, (selbst das bürgerliche Glück und guten Lebenskreis

Es fehlt ⟨1⟩ immer die wahre Nähe zu den Dingen, die
Zeit- und Dingnähe, die ein persönl. Wahrheitsein anerkennen
und idealen ? verknüpft.

(So hat sich die Leidensidee bei Vaters Tod, Buch
beenden wollend, verkehrt und wird Weltfreude und
Bürgertreue. Wie aber Mater dolorosa?
Das Weib in der Geschichte, die Idee der Bitter-
keit bleibt!

54

Freitag, 20. VIII. 15[Freitag, 20. August 1915]

heute nach starken Gewitter- und Regentagen Mittagsgewitter
schwühl [sic] und kühl, jetzt fast kalt, halbbedeckt morgens
mehr sonnig, Tag kühl und blinkend farbig wie Frühlingstag
Kartoffeläcker und Felder werden schon gelb, gelbe
hohe Blumen in Gärten, (Sonnenblumen kommen,
Gladiolen). Vorgestern Kowno gefallen
mit Kaiser von Österreich Geburtstag.

heute Nowo Georgiewsk gefallen, alle Tage Fahnen
und heute bes. [VR: her] blinkende Fahnen in der kühlen Luft.

Oft dieser Tage der Gedanke an Moses, der das gelobte
Land nicht mehr sehen durfte, es verscherzt hatte.
Diese Art Furcht, die drückt und dunkel vor der
Zukunft ist und dabei aus der Gewohnheit des Kampf-
und Schlachtenlesens wieder das Aufbesinnen auf das
Ungeheuerliche der Leibesopfer und Brudertode für die
Geschichte in diesen Tagen, dann wieder alten Landsturm einrücken sehen
kleiner [VR: Neuer] Trupp.

55

Samstag, 21. VIII.[Samstag, 21. August 1915]

Kühler schwer feuchter Augusttag, trüb und langsam schiebend
bedeckt, plötzlich mittags leichter schneller Wind und
treibt das bischen Erde Staub auf der feuchten Straße.
sonderbares Wirbeln, trüb gegen Abend, mit C. in Brw. Glöckle [VR]

Sonntag, 22. VIII[Sonntag, 22. August 1915]

starke Regenfälle Sonntag, fast herbstlich
kalt. grünlich gelbgraue Mauern, Kind

Montag, 23. VIII.[Montag, 23. August 1915]

Die Wende gegenwärtig, nicht durch das voraus-
eilende nachkommend, sondern durch das Gegenwärtige nach-
und vor und fern werden

H. Bordeaux, „der Irrweg der Freiheit“ [Henry Bordeaux, Köln 1913, Originaltitel La Maison], Titel nicht gut übersetzt
„la maison“ bei Bachem erschienen. Gesellschafts-
Kritik, aber die guten Beispielcharaktere auch nur gesell-
schaftliche (Partei) Typen, keine näheren Charaktere,
nicht der inneren Grenze nahe {indirekt der Familie}, sondern auf dem klass. Maß
Frommsein; Frankreich ist aber [eben?] nur gesellschaftlich
problematisch, ohne innere Grenzwissenheit

Donnerstag, 26. VIII[Donnerstag, 26. August 1915]

Gestern Behr zurückgekommen von Linge-
kopf aus schweren Kämpfen, Mittwochabend in Aug. Keller

56

heute morgen: Sinn des gotischen
Sinn der Ägypter, Gespräch mit Schwester
etc.

Neue Angsteinsicht dieser Tage verstärkt, Gott zeigt mir
immer schönere Themen und gibt immer schönere Aussichten,
⟨1⟩ Aufgaben, wie er Moses das gelobte Land
schön zeigte, das er nicht mehr betreten durfte.

(der faule Knecht in Gedanken bloß mit dem Pfunde
wuchern, in Tat nichts tun)

Seit Dienstag wieder seit längerer Zeit schöne Tage
mit sehr hellen Mondnächten und starken Tau-
wiesen

Freitag, 27. VIII. 15[Freitag, 27. August 1915]

Das rechte gotische Maß gegenüber dem rechten
klassischen ist die Anwendung aller Mittel
im gleichen Sinn, so wird Stoffgewand und Mensch etc.
alles in gleich immaterielle Form verwandelt.25

57

so durch gotisches Maß das Mittel – Maß ist da nicht selber
Formzweck, sondern Mittel der Formen und des Zwiespalts –
Mittel nicht zugleich Form und Grenze selber, sondern Mittelung
zwischen den beiden Grenzen, so auch in christl Lebens-
ordnung alle Mittel zu benutzen, sonst ist Fortschritt
nicht möglich. So auch Christentum ganz welterobernd
fortschrittlich

Treue durch Erbsünde der Geschichte
unmöglich geworden. bei alten Deutschen aber ganz
harte Treue gehalten, um sich den Beginn ihrer
Geschichte sicherzustellen. 1. Drama Gedanke

Samstag, 28. VIII.[Samstag, 28. August 1915]

sehr schöner heißer Öhmdtag
Herrsching - Grafrath -. {Russen und Viehherde bei Arzla [bei Inning]}
Grüngelbdunkelung gegen abend an See.

Sonntag, 29. VIII[Sonntag, 29. August 1915]

Regen, dann Anfang Woche besser
Wetter, Freitag, Samstag sehr kühl und Regengeneigt mit
Teilweise Ostwind ein Westwetter drohend düster, abends
früh nacht um 7-8 Uhr beide Tage düstere Gewitter, ich wieder Arbeits-
tier für unvollkommene Dinge, plötzlich in düsterem Gewitter:
„Du Gott schindest mich recht in Peinlichkeiten
weil ich nichts tue, ich liebe Dich.“

58

Mittwoch, 1. September 1915[Mittwoch, 1. September 1915]

(Corrigieren des Manuskriptes M.)

logisches und organisches (konstruktives) Denken

Der Baum der Erkenntnis (der zerstört) und des Lebens, des
Beteiligtseins

Sinn des Leidens, immer wieder der Passions-
gedanke
; das Leiden kann nicht die Bestimmung des wirklich
auch gottberufenen Menschen und Volkes sein, sondern
nur das organische Verwirklichen; es ist allerdings
mit Mühsal verbunden, weil es das wahre
gesch. und ges. Leben schlechterdings ver-
wirklicht gegenüber der klass. und logischen Neben-
bildung und Eitelkeit. Stolz und Eitelkeit, Stolz
des Organischen Eitelkeit des Logischen Abstrakten,
ungeschichtlich Bildenden und Sich überhebenden. Man
soll aber auch in gotisch organischer Gesinnung das Leben
beherrschen; erst recht. Dann aber, da man sieht,

59

daß Michael die unverwüstliche Kraft und nicht zu beugende,
unbesiegl. Überlegenheit immer bleibt, wie lange darf
man bei logischen, bei deren Erkenntnis bauen und Welt-
meinung mitmachen, ob man persönl. Würdigkeit
abwarten oder Wagnis und Vertrauen mit dieser in der
Aufgabe zu wachsen habe. Das Lebensstellungsproblem.
Kuppel. Präsepe. heute Einsicht, daß ich selber
nicht mehr auf der logisch abstrakten, sondern auf der
organisch-konkreten Seite stehe

Michael: Wer ist wie Gott. Mit Gottes Kraft
arbeiten, unüberwindlich. Es ist aber das schwerste,
Gottes Waffen richtig zu führen.

(Der Knabe, der das Scheit nachtrug. Gedanke
daß Logiker lenkt, aber das sonderbare Geschehen des
Raddrehens und Fahren und Laufen der Ochsen, das
wirklicher ist und auch der Knabe das Scheit unterlegt,
wichtiger, ob man es nicht tun soll?)

60

Schluß: Der Betrachter: wie soll man leben in der Gesellschaft,
Nahrung bloß vom Baum des Lebens oder mit den Leuten
leben, die vom Baum der Erkenntnis essen und denen die
Augen für die Welt-Menschenbeziehungen offen, aber für Gesch. und Gott
geschlossen sind. Sollen wir Ihre gleichen Mittel oder
unsere Mittel anwenden? Oder unsere? (Zweck und Mittel!)
Eine Gnade wie annehmen?

Der Dichter gegen logisch x konstruktiv Daß M. gar keine Kunst verstehen kann,
da er gar nicht in den geistig vorbedingenden Organismus
hineindenken kann, gar keine Kraftdramawandlung
empfinden kann? (Wie ist es nur { nicht der Dichter} möglich, daß all die
Jahre das falsche bestehen kann) Wie wird ein
Volk zum künstlerischen, durch das immer organischer
die dramatischen Weltbeziehungen verstehen26,
diese Art Harmonie, Harmonie als organ. geschichtliches
Dynamikprodukt

x gegenüber klassischer Fläche-Kubusverteilung

61

So versteht man, wie ein Volk, das deutsche, zum künstlerischen
wird und noch weiter werden kann.27

Betrachte: Kunstfrage die Berufungsgnade des deutschen Volkes

Schluß

Künstler: die Sicherheit und Freude des Besitzes am deutschen
Volke, die scheinbare Unfähigkeit, auch diese Unfä-
higkeit des deutschen Volkes und das Übernehmen
müssen der größeren Aufgabe, ohne es gewollt zu haben
dieses Kaiser.

Stolz und Qual des Organischen
X Eitelkeit und Redseligkeit (Saitschick) Typbildung des klass. Logischen
Der Passionsgedanke in der Organischen Gesellschaft
= einfach starke Lebensbehauptung; denn wir sind
erlöst. 28

An diesem Tage deutlich werden der Art des persönl.
Opfers: daß man sich nicht auf die frühere einfachere

62

geschichtl. Stellung zurückziehen darf (also nicht Bauer
und Einkorn und Garten
? deshalb in unbewußter Verdrehung
des Abschieds die starke Wald- Wiesen- und Gartensehnsucht dieses Jahres.
sondern daß man in der Gesellschaft vorwärts
bleiben muß, der Gesellschaft verantwortlich
bleiben.

Anfang September

Sinn der Marter

Aberglaube (Moses und gelobtes Land, gegen Hoffnung und
Zuversicht immer wieder wurzelnd auf dem vom
einzelnen nicht gelösten Zwischengebiet von Natur
und Geschichte, Aberglaube, nicht wahre Zuversicht in Verhängnis

Gespräche mit Prof. P. Schmidt: Kralik etc Jesuiten haben [VR]
nicht Sinn für Liturgie. Entstehen der Reformation.
gegen Aphorismus, abstrakter Ordensbegriff, daß
Kirche ihn nicht will

Dienstag, 7. IX. 15[Dienstag, 7. September 1915]

daß eine kleine Gnade gerade so viel 29 wert wie eine
Große und daß

63

sie im gegebenen Moment nicht benutzt zu haben, ebenso
schuldhaft sein kann, wie wenn man eine doch benötigte Gnade
nicht angenommen hätte. Denn jede Gnade Gottes ist un-
endlich.

Sonntag schwerer Regentag

Mittwoch, 8. IX. 15[Mittwoch, 8. September 1915]

Sinn der Marter.
Sünde wider den hl. Geist ist zwischen Natur und Geschichte
liegt vor dem Glauben und ist das Begehren, sich auf
den geschichtl. Weg zu begeben.

Donnerstag, 9. IX.[Donnerstag, 9. September 1915]

Dauer: Gotik und heutige Form. Von Sonntag her noch
Kühl Aufheiterung, nebelig, starker Grastau, Gras nach
Öhmd stark, aber geschnitten gleich und ohne Blumen. Matte Sonne.

Freitag, 10. IX. 15[Freitag, 10. September 1915]

Sonne, kalter Ostwind über gemähte Wiesen
blasend ohne Blumen starker glitzernder Tau, fast fröstelig.

Wie weit muß man in die Gesellschaft sich fügend einordnen.
So weit nur geschichtl. Unzulänglichkeit abhalten will
([Kurzschrift]: Vorkommnis mit Mantel von Reinhardt. Paul und Lulu
dürfen den Mantel nicht tragen. Gegenüber einer solchen Gesinnung
darf man nicht nachgeben.) das betrifft
die Natur, nur in der Geschichte darf man nachgeben,
muß man mitarbeiten.

64

Montag, 13. IX.[Montag, 13. September 1915]

Opfer und Gegenüberstellung
vom Altar zum Kreuz, von der Stellvertretung zum Opfer

Abends bei Niederschrift der Gedanken sehr großer Sanitätszug. schöner
Tag, wieder wärmer

Die Sonnenblumen

Dienstag, 14. IX.[Dienstag, 14. September 1915]

Joh Komm. Endlich das wahre Vertrauen wollen,
Moses und gelobtes Land. mein Leben hängt an
meinem Entschluß. Natur und Geschichte

Mitte September:

Wodurch unterscheidet sich die deutsche Kunst grund-
wesentlich in jeder Form von jeder anderen. In dem
Einstehen des Einzelnen für die Gesamtheit,
in der Gründung auf Einzelnen und stets Beziehung fürs
Ganze in der Vielköpfigkeit, Vielseelenform,
in der Beziehung an sich

die metaphys. geschichtl. Stellung des Sittlichen vor
100 Jahren (Klassik und Fichte auch dieser sittl Alleinrettende
Menschenbegriff, der den höheren, die Form der Gesamt30

65

Ghibellinen und Monolog
die göttl. Führung, der sich (der preußische) ein deutscher Herrscher
bewußt sein muß, wenn er den Zufall der gesellschaftl starken
Meinung sieht und dann sein eigenes Geführtwerden bedenkt
z. B. auch Wilhelm II.

Montag, 20. IX.[Montag, 20. September 1915]

III. Man darf Gottes Kraft, die man hat, nicht zur
Rache benutzen. Besinnung auf wahre Kraft x soc ant

Ein Mensch, der alle Laster hat, nur daß die Ges. Laster
durch Trägheit zurückgehalten sind.

[Es folgt ein eingeklebter Artikel aus dem Hochland]

Die Geschichte des deutschen Volkes ist nicht nur wie ein Kampf mit Men-
schen, sondern wie ein Kampf mit Gott um die bleibende Gnade der geschicht-
lichen Berufenheit in der Welt. Als dieses Volk in die Geschichte eintrat, wurde
es mit dem Christentum als mit seiner wesentlichen Weltaufgabe beladen. Mit
ihm wuchs es zum christlichen Weltreich; in ihm, zu einer Zeit des größten
Kampfes um die weltgeschichtliche Gnade, verdorrte seine Hüfte. Aber die ein-
mal verliehene Berufung blieb und gab diesem unzerstörbaren Volke das Recht,
den Segen wieder zu verlangen: ,Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!'
An Jakob erging die Antwort: ‚Wenn du mit Gott tapfer gekämpft hast, wie
viel mehr wirst du über Menschen Sieger bleiben?’ Mit dem deutschen Volke
siegt der christliche Gesellschaftsgedanke. Was Rembrandt aus den religiösen
Kampfgefühlen seiner Zeit für die Einzelseele empfand, Geborgenheit und darum
Gelassenheit in den innersten Erfahrungen des Kampfes, dieses aus der Kraft
der alttestamentlichen Verheißung in das christliche Gewissen übertragene Ge-
fühl, das im Grunde keine Tragik, nur die Peinigungen des Ungenügens kennt,
will in der neuen geschichtlichen Welt, in der die Einzelseele sich wieder für das
Weltgewissen verantwortlich macht, wieder zum stärksten geistigen Kampfproblem
werden. Die künstlerischen Formen der christlichen Tragik werden neuen Stoff
erhalten. In Rembrandts Bild lebt die Sehnsucht nach noch mehr Verinnerung;
in der neuen Weltform soll durch die größte gegenwärtige und gesellschaftliche
Fülle, wie in der Gotik, gleichzeitig die stärkste Veräußerung, Weltumfassung
lebendig werden. Die treibende Kraft bleibt aber in der Kampfbitte ausgesprochen:
,Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!’

66

Mittwoch, 22. IX. 15[Mittwoch, 22. September 1915]

Tolstoi (Mitte) s. Echo d. Heftes Sündenschuld solidarität
eigene Art der Buße Gespräch über Austausch des rel. Gefühl.
Das Persönl. ist unzulänglich (gegen Saitsch. [Saitschick]
Das Geschichtliche ist zulänglich
Spiritist civitas Lienhards [Friedrich Lienhard, 1865-1929]. Daß Dichtung nur in Weltbe-
zogenheit möglich, daß Leute wie Lienh. ganz und gar Unkünstler sind.

[nachträgliche Ergänzung]
falsch an dieser Solidarität ist die freiwill
unerlöst. gedachte Teilnahme
der einzelne bleibt natürlich verbunden,
aber doch er ist geschichtlich erlöst.
darauf beruht ja alle geschichtl. Autoritäts-
möglichkeit und Heiligkeit {ung} der Geschichtsform
jede schon vorerlöste Autorität ist eine
Vorwegnahme geschicht möglich erlöster Wahrheit

Freitag, 24. IX.[Freitag, 24. September 1915]

Die 3 ersten Bitten (?)

„selbst die Gegner müssen gestehen“: ich habe keine Gegner
Entäußerung – Liturgie entwickelt 1-5-7 Brief [VR] reclusa

Samstag, 25. IX[Samstag, 25. September 1915]

bei leichtem Wind und gerne tanzt
das gelbe Laub und fährt die Straße hin

67

bis Wege still, die Ränder füllen sich mit kaltem Laub {und rascheln}
heller lichtender Herbsttag, jetzt einige Wochen schön Wetter
gewesen, anfäng⟨..⟩ Ostwind kalt, dann stillwerden, jetzt
ostwindig fast schwül und flacher Himmel, halbbedeckthell
Letzt Sonntag spätnachmittags bei Caspar und Flaskamp dann gesucht, der
als S fahrer von Immenstadt zurück.
vorletzten Sonntag Perlach Spaziergang nach Neubiberg
vorvorletzten sehr stark Regen Ratgeberreferat.

Sonntag, 26. IX.[Sonntag, 26. September 1915]

schönen Ausflug zuerst trüb nach
Grünsink, dann Etterschlag, dann müßig Ernte
lichte Bäume mit gelbbraunem Laub, Schlehen
nach Walchstadt, dann Steinebach windig und
Sonnenkei⟨..⟩, dann rechts der Bahn in Herbstwald
wunderbar gelbbraun gegen Himmelsbläue zitternd
und flammend abgehoben, die eingerollt Licht⟨..⟩blätter,
Brombeeren nach Weßling, Abend still. Obstgeruch

Montag, 27. [Montag, 27. September 1915]

Die Zähigkeit und Unvertilglichkeit des Weltlichen
wenn man die Witze und ihre (scheinbare) Menschenbefreiung
oder fast im absolut freien Geist unbindbar ansieht.

68

Auch für den Ernst absolute Weltgefühlsfreiheit zu erreichen
suchen. Es wird aber bloß positiv, d. h. innerhalb der
3 Eigenschaften als vollste [VR: reellste] Zuversicht möglich sein,
als wahrste Kühnheit. Heldisch gotische Gesinnung
Das unvertilgl. menschl. freiheitliche Umsichtun [?], das gesellschaftl
ist wird man sich persönlich gegenüber der Gesellschaft an-
nehmen: spernere ? sperni

Schöner Morgen, gegen Mittag Fortsetzung der windigen
Trübung von Samstag Nacht, wo schon Rascheln und
Rauschen. Wieder [?] Regen Anfang, doch Sonntag schön.

Immer wieder das Begehren, aus der Schwere der Zeit heraus zu fallen
und Aufgabe untreu werden wollen in primitiven
Lebensverhältnissen, Bauern beneiden

Samstag, 25. IX[Samstag, 25. September 1915]

zufällig wieder Gedanke an Zerstörung der
Kathedrale von Reims. Ritterliches Schuld an der Geschichte auf sich nehmen, wie
ein Opfer in Geschichte für Gegenwart. Ritterlicher Sinn der
Erlöserschaft. Ritter und Erlöser. Christliche Ritter aktivi-
tät der Erlöserschaft gegenüber dem Ordensgedanken.

69

Montag, 27. IX. 15[Montag, 27. September 1915]

Möglichkeit der wahren Wirkung in der Zeit. Die Schuld
nimmt dem Menschen die wahre Gegenwärtigkeit

Problem der Reformation: wie alles, so sich die Erb-
sünde auch im Christentum wirklich im einzelnen
und im Volk weitererhaltend und der Hoffnungszuver-
sicht und angefangenen Form gegenüber geltend machend.

Das Erkennen einer guten Form, wenn man darin ist, schädigt
sie: „Sie erkannten, daß sie nackt seien.

Mittwoch, 29. IX. 15[Mittwoch, 29. September 1915]

Es drängt sich mir bei Betrachtung der angesammelten
Gedanken und unvollendeten Werke eine fast
frevelhaft gegen die Unendlichkeit scheinende Lebens-
Regel auf: Man darf nichts größer werden lassen, als
man selber in seiner Zeit gerade ist (so lange
es die Beziehung von Natur zur Geschichte betrifft), man
darf die Einsicht nicht über die Kräfte und sich die Wahrheit
Gottes in der Welt nicht über den Kopf wachsen lassen.
Man darf nicht reifer sein im Geiste als in der Sünde seiner Natur

70

Freitag 1. und Samstag, 2. Oktober[Freitag 1. und Samstag, 2. Oktober 1915]

mehr regnerisch als neblig, aber nachmittags sehr kühl
fröstelnd feucht Die unendlich feine Poesie der
Landschaft. Laub Hecken grüngelb, braungrüngelb, rotgelb,
blaurotgelb, feinste Stufen und doch deutlich getrennt,
nicht verschwommen. Ton der Luft geht über alles
mittelnd, aber Natur ist sich [VR: auch] trennend, dieser feine
Zwiespalt, darin manchmal Stauden und Ruten mit Blättern
ganz scharf {stark} (innerlich fließend fast) scharfes Grün und auch
solche neue Grasflecke ganz Karfreitags scharfgrün
(neu gewachsen?) in gelblich grün geschnitten Gras. Weiße
kalte Blumen

Samstag, Claudel, Ostasien [Paul Claudel, Connaissance de l'est, 1907] gelesen und Sehnsucht
der aufgehenden Arbeit, sich Tage wie letzten Sonntag in
ihrer herbstlichen Aufgeteiltheit und dem Sichvergessen
darin in warmer Sonne ganz zu eigen zu machen
31 aber diese Art von Arbeit wie Claudel cfr. [?VR] nicht recht. Verzichten darauf
ohne es in Arbeit erfasst, angeeignet gehabt zu haben
ein Verdienst?

71

? Gedanke des Verzichtens auf Schöne und [?VR] des Genießens als Verlangen

Glaube muß auch ein Verdienst sein, ein Verzicht?

Sonntag, 3. X.[Sonntag, 3. Oktober 1915]

triefender fallender Regentag, vormittags
Bürgersaal. Der geschichtl. und künstlerische Formsinn der
Heiligengestalten. ganz nachmittags Kaffee, Bier Wein, Torg[g]elstube.

Montag[Montag, 4. Oktober 1915]

Regentag, wie die Bäume regendunstschön stehen
einfach ganz frei, helle rüstige Kuppeln hoch treibend, kerzenartig hoch.

Bulgarien wird immer weiter hereingezogen

Samstag, 2[Samstag, 2. Oktober 1915]

Am Heiligen kleben wie Fliegen.
Anfängl. stets allzubereit ist unechter Bereitschafts-
wille. man soll aber keine Hand umsonst
hergeben32, sondern bloß in Neuschaffung. Begriff Christi
und des bewußten Opfers gegenüber Art und Betrachtung
des deutschen Stolzes – russischer Vorwurf.
nicht persönlich

72

Montag, 4. X.[Montag, 4. Oktober 1915]

Ob man an einer Sache arbeiten darf, die
schädlich (mehr als nützlich) nicht nur selbst, sondern auch, weil
sie einer schädlichen Geistesrichtung besonders zur
Stärkung verhilft, also die Verantwortung noch größer macht.
Jedem einzelnen Ding gerecht und gewidmet
sein, dann beginnt Wirkung.

Gefühl der Beschämung vor Gott bei Verzicht gegeben?

Dienstag, 5. X. 15[Dienstag, 5. Oktober 1915]

Man muß trennen, nicht vereinigen. Trennungen der
Formen herstellen in Charakter wie in Ges. Form
und Geschichtsformen und Völkern.

Ist der Glaube richtig, daß Gott und die göttl.
Eigenschaften wahren Weltstoff und Ges. Stoff
geben als Naturnachahmung, so muß die Zeit
der reclusa und immacu auch besonders stark
in Ereignissen gewesen sein, Frühmittelalter

73

Man muß diese Geschichtszeiten also mit Heftigkeit betrachten.
Beim Gehen mittags durch die Stadt Gedanke über den Sinn
des angefangenen Daseins, den Sinn des Abschneidens
nicht einzeln, aber es handelt sich Gott nicht um den menschl.
Sinn, sondern um die Erreichung des Ziels, und wenn der menschl. Sinn
von einem nach Gottes Wissen doch nicht erfüllt wird, kann er
um die Seele zu retten, den weltl. Sinn vom [? VR und] Weg ab-
schneiden, denn sein Werk braucht nicht unsern Sinn
auch sein Werk mit uns selber. So immer wieder Brechen
der gedachten Zuversicht.

Donnerstag, 7. X.[Donnerstag, 7. Oktober 1915]

Jeder Tag triefender Regen. Schlaftage. Mittwochabend
Osteria Bavaria. Gespräch mit Hofgeistlichen und Übernachten bei C. Donnerstag abend
Tagesbericht Eindringen über 3 Flüsse in Serbien.

Freitag, 8. [Freitag, 8. Oktober 1915]

vormittags wieder Soldaten fort in Regendunst, Musik spielt
Karnevalskehraus Landler

Burgfrieden durch Leisetreterei wahren oder besser
durch möglichste Geschichtserhöhung. Vertragen der
Streitpunkte durch Höhe und geistige Überzeugung der Lösungen.

74

Geschichtl. Art der Freude am Dasein.

Samstag, 9. X. 15[Samstag, 9. Oktober 1915]

Die Offensive gegen Serbien wird in der Welt bekannt. Die ungeheure
Kühnheit Deutschlands. Deutschland auf dem Weg nach Konstanti-
nopel und Asien. Kreuzzug.

Sonntag, 10. [Sonntag, 10. Oktober 1915]

aus Nebel matte kühle Aufheiterung, manche
Bäume schon bald entblättert, andere gelb und viele
noch ganz grün und stark. Wie oft plötzlich besonders
bei Beginn des Vormittags ohne Regung ein
Blatt vom Baume tanzend schwebt und laut [sic]
fällt.

Belgrad, machtvolles Einrücken in Serbien. Bei Vier-
verband das heftige Erwachen und Erschrecken über die
Sachlage, der weite weltgeschichtliche Ausblick jetzt
in Deutschland. Man wußte doch schon lange von der Möglich-
keit dieser Weltrichtung, aber wieder zeigt sich, wie die Tat lebendig
macht, sich ans Werk zu geben und Plan zu tun.
Tat. Gedanke der Lebensmesse

75

introitus reclusa (aus freiem Willen) Opferung als die Einzelung, Ent-
äußerung, Wandlung als Entäußerung der Einzelung, Joh.
Kom. Lebensgeschichtsmesse als letztes Ornament
wieder zu Liturgie zurück, ⟨.⟩ Wandlung als wahre Tat.

Barmherzigkeit dieser tiefe Brunnen Gottes wird bloß durch
Sünde und Geschichte erkannt. Das Wunder und lob-
würdige Geheimnis der Sünde.

Montag, 11. X.[Montag, 11. Oktober 1915]

Du denkst immer an Gott wie an einen Verräter, weil einer-
seits zu fatalistisches Vertrauen statt Mitarbeit

III. Verliere deinen Punkt als Weltpunkt, deine
Verantwortlichkeit als Eigensucht, dränge dich nicht
zur Verantwortung.

Kühl, hell, Herbstnebelmorgen mit weißem kaltem
Tau. Nachmittags der Andrang an Schrannenhalle
mit Messing, Kupfer, Nickel. (Bismarck)

[am linken Rand] ?!

Man soll schon ablehnen, eine Sache anzufangen, wenn man sie nicht
machen kann, weil man da der Sache schadet.

76

Schulfrage: Man soll alle Bildungsnahme möglichst nahe an ihrer
Quelle lassen, nicht an ihrer Organisation. Dienstag, 12. X. Lu⟨..⟩ ⟨1⟩.

Dienstag, 12. X.[Dienstag, 12. Oktober 1915]

Frankreich bestürzt sich weiter über den Balkan Daß die
Radikalen nie etwas recht zur Tat tun wollen, son-
dern ihre erste Forderung (falsche Ursacheforderer) ist
immer: Sie verlangen vollen Aufschluß über die
Verhandlungen, haben nicht die Kräfterichtung, um
auch mit geheimen Dingen zu rechnen,
verlangen immer das gesellschaftl. Redemittelding.

Das Drama, wie sich Bismarck heraus löst.

Die Erweiterung der Sittlichkeit, jeder darauf gespannt
wenn man beweist, welcher Staat erobern darf, weil
stets das mehr zeitlich bleibende cfr Ludwig XIV
Machiavelli.

Daß die konservative Treue den Gesellschafts-
förmigen wie ein Verrat erscheint, Bismarck.

77

Mittwoch, 13. X.[Mittwoch, 13. Oktober 1915]

Religion ohne Tugend erzeugt Feindschaft
cfr ob auch Reformation so entstanden.

Das viel-Einzel-Interessantes Wissen oder Zitieren der
Zweifler (Merkle)

Freitag, 15. X.[Freitag, 15. Oktober 1915]

Die Unionsbestrebungen. Christus bei Deutsch-
land, obwohl hier nicht so rel. Besprechung. Christus ordnet sich
der fortschrittlichen Kirche ein, hier ist sein Leib
Sinn der filioque Weltlichkeit.

Wir müssen weltlich werden.

vor 8 Tagen Spaziergang herbstnachmittag [?] sonnig weit Abenddunst [VR: blaudunst] Menzing einsam ⟨1⟩ Russen singen

Sonntag, 17. X. 15[Sonntag, 17. Oktober 1915]

nach leichtem Reif und Frühnebel sehr schöner Herbstsonntag,
tiefblaugelb, rostrot bäume, weißgraue Weiden im Isartal.
Konradshöhe.

letzte Woche schon längere Zeit kühl {trocken} herbstliche Reife, Blätterfall
morgens schütternd ganze Teppiche. Die Sonnenblumen stehen
hoch kahl. Blaukraut läutet farbig satt in Gärten.

Montag, 18. [Montag, 18. Oktober 1915]

Brief an Flask[amp] nach Serbien.

Dienstag, 19. [Dienstag, 19. Oktober 1915]

starker Reif und Morgennebel, dann schöner Tag. Kastanien-
blätter teilweise noch grün und groß und straff gerade gespannt

78

Vor Blätter [VR] gebreitet und leicht flach eingebogen stark falln noch leicht wie
Boote [VR] schwanken, sobald sich Nebel senkt und sich auf einander
schichten. Dies Verlassen der Standorte stark und beschieden.
schnell und leicht bestimmt und ohne Wind, schwer und doch getragen von
Luft fallend und erhoben wartend liegend.

M. [Muth] vergleicht Dante und Sorge [Reinhard Johannes Sorge] im Streben nach Vollendung. Man soll zwei
Menschen nicht in Wollen aus Natur vergleichen, sondern im Stande
der Geschichte, nicht in den Voraussetzungen, sondern in den
Ordnungen. Die Gesch. zeigt sich erst [VR] Form {bestimmter Wert} der Natur
Tertium comparationis ist auch etwas geschichtliches
nicht bloß logisches.

Sind Lob und Dank (in der reclusa) und vor Gott aus aller
reclusa gleich? filius Kuppel

Mittwoch, 20. X. 15[Mittwoch, 20. Oktober 1915]

das auf einem Flecke stehn bleiben als naturalistisches Erlebnis;
das bloß älterliche, ältelnde Wachstum gegenüber Zunehmen
an Weisheit und Gnade bei Gott und Menschen
cfr Jesus Jugend, tiefer Sinn in diesem Wort.

79

Mittwoch, 20. X. 15[Mittwoch, 20. Oktober 1915]

Das Gezeichnete, wenn nicht Auserwählte.

Donnerstag, 21. [Donnerstag, 21. Oktober 1915]

Im Hoch.[land] Bildtext ausgesprochen bei Rem-
brandt „Die einmal verliehene Berufung blieb...
und in Kunstartikel „Zeitgenössische Kunst“, daß am Anfang
schon am größten Berufung vorhanden (cfr. genannte [? VR genauer]), wie ist das
wahr und wie verhält es sich zu Schuld und Bewährung; liegt in
diesem Bleiben die Statik des Weltplans. Trotz Geschichte
offenbart sich so Gott in Geschichte
! durch den Mensch
und weltgesch. Gottesbewußtheit.

Der die Herzen lenkt wie Wasserbäche

Samstag, 23. X.[Samstag, 23. Oktober 1915]

Es wird nach dem Kriege der allg.
Gesellschaft und Ungetrenntgesinnung, bei dem geringen Unter-
schied der geistigen Richtungen und bloßen Gebundenheiten
derselben, nicht wenn [VR] Zerteiltheiten ein häßliches Schauspiel von
Hund und Katze innerpolitisch deutsch geben. Es müssen nun
bedeutende Männer kommen, die Richtungen und Trennungen
hineinreißen und Autoritäten bilden geistiger Reife. 33

80

Prinzip der Gewalt, Christus und Tempel

Montag, 25[Montag, 25. Oktober 1915]

Das Erlebnis der Mystisch Intellektuellen
Geschichte der
dogmatisch Autorität
x
ungesetzlich

x
primitiv natürlich
Rousseau

immer diese zwei Ähnlichkeitsspiele

Im Anschluß an Samstag, Prinzip der Gewalt der
geschichtl seelische Wert dieses „reaktionären“ zurückgehen
auf die erste und stärkste irdische Gewalt gegenüber allen Ausgleichen,
das ganze des polit. und sozial. Lebens ein Ausgleichen
und dies eine wahrhaft irdische Prinzip der wahre
Fußschemel der Autorität
und Idee

Aber Kaiserisme. Auch das zeigt der Krieg, daß verschiedene
entgegengesetzt gedachte wirkende Ideen schließlich
dazu kommen müssen, sich zu messen, während man
doch meinen könnte, sie würden ruhig nebeneinander
bestehen können. Aber die Idee hat eben Drang und
Zwang in sich.

81

filioque der slavische Messianismus als eine Art filioque-
fortsetzung, ein Ersatz geschichtl. Richtung
x
die romantische Geschichtsangleichung
slaw. Messianismus
[geschweifte Klammer]
geschichtsanknüpfung
des prozessus
ewig + zeitlich

x
deutsch Romantik

per filium ist falscher zu großer bloßer Symbolismus
filioque que ist wichtig, denn es sind geschichtliche
Entfaltungen des Sohnes auch, nicht des Vaters durch den
Sohn. Das fortschrittlichere, scheinbar [VR] göttlich ursächlich
christlichere ist eben nicht das weltlich fortschrittliche,
immer diese schwere Schwebung der
Welt in dem Verhalten Gottes, man
spürt, wie die Welt in der Dreiheit
schwebt und gehalten ist, im „per“ und der 34

82

Donnerstag, 28. [Donnerstag, 28. Oktober 1915]

Weltsicherheit als Mitleid mit Gott

Ironie

Das erste und größte Gebot: Wie kann aus dem
Mitleid Form und Bestand der Welt wachsen

„Gott kann doch machen“, daß ich Pflicht und Form erfülle
Nein Gott kann nicht machen. Die Form dieser
Welt macht der Mensch (Kinder reden (lassen), ob
Gott einen hölzernen Geist machen kann, crf Äuss. ⟨1⟩
⟨1⟩, Idee, daß Gott sein [so?] Ebenbild machen
kann, wie es der Mensch nach d. 1. Gebot nicht
anbeten soll)

Gott kann den Wert des Dramas nicht
machen. Verstehe, daß die Welt etwas anderes
ist als Gott.

Erkenntnis dieser Zeit, daß hinter reclusa und immacul.
der früheren Jahre des Lebens eine Zweiteilung war
in Idee und Natur. Jetzt muß die Einheitlichung
hergestellt werden.

83

Mittwoch, 27. [Mittwoch, 27. Oktober 1915]

furchtbare Offensive in Frankreich [VR] vorbei

Seit 26. abend Tag [sic] nach Konstantinopel frei

Dramahöhe statt Schicksal

was es bedeutet geschichtl. Spannungsmoment innere Gnade x
EnergieGrenze, den rechten Entschluß zu fassen, wie da das
geordnet erwarten, (diese Art der Statik) mit schwingt,
(z. B. Entschluß der Türkei für uns, daß der Entschluß
nicht aus den augenblickl und zeitl. Erwägungen folgt)

Freitag, 29. [Freitag, 29. Oktober 1915]

Nur als ord des [VR ?] Schein [?] daß bei Bild die [?]
Naturgegewalt
stärker ist
Caspars Kunst
gegenüber Fl.

X
Bild ⟨1⟩ stärker als Natur

allgem
Bild
X
Natur
und
Einzelnes [geschweifte Klammer für ges. Abschnitt]

[rechts daneben von Raute eingerahmt]

Wort
X
Geschichte Gesellschaft

84

Samstag, 30. X. 15[Samstag, 30. Oktober 1915]

Skizze: Der Wegbereiter Johannes der Täufer, daß er das
nächste tat (dazu Gegensatz Wagner und Lienhard Kult der Katholiken als
unfruchtbar)

für J. B. die Naturvorbereitung für Christus ist
in unserer Zeit

Die 3 ersten Bitten des Vaterunsers
[geschweifte Klammer
über drei Zeilen]

Kirche

vor dem Krieg die 3. (willenlos)
im Krieg die 2. bedacht, dein [VR] Reich
die beste ist aber die 1. nach dem Krieg Name

Mittwoch, 3. November 15[Mittwoch, 3. November 1915]

linder Tag, mit wie schwachen Kräften Gott seinen
Plänen helfen [?] muß. Vermessenheit, eine Gnade nicht
annehmen, weil man sich ihr nicht gewachsen fühlt. linde Zeit.
wie ein Vogel niederfällt, fällt ein der Gedanke, wie
Gott sich behelfen muß.

Jesus seiner Kleider beraubt X der linde Tag keine Geschichte
jetzt kann sich Jesus nicht mehr helfen
Kleid und Geschichte

85

Rhythmus des individuell. Lebensorgans. Taktik des
Lebens so viel wie Tugend nicht gegen jeden, sondern bloß ein
großer Kampf z. B. Kunststreit.

Konservative Staatsleitung hat mehr Freiheit des Entschlusses
bricht ab und hält sich Arm frei, weil nicht abzubrechen höher [?VR]

Prinzip der Verkennung

Paradox des Weltleidens, daß der positiv wollende
aber bei der reclusa beharren wollende nur das Fort-
schrittl. annehmen wollende Schmach leiden muß
nicht um Gottes willen, sondern um der Erbsünde willen.

daß bei Franziskus von Endpunkt einer religiösen
Entwicklung gesprochen wird, nur immer heute
stark betonen, daß wie noch neuer Anfang
ganz neue Zeit noch möglich

Gott wirkt {(ausdruck?} mit der Sünde der Menschen mit
das ist das Geheimnis der Geschichte. Inwiefern
muß das der Mensch auch tun?

Dieser Tage Beunruhigung, daß man nicht im Hause (Gefühl [?VR])
des Ungerechten wohnen soll (Bibelstelle?)

86

Freitag, 5. XI. 15[Freitag, 5. November 1915]

Das Ärgste ist, Unrecht leiden und Unrecht vermitteln müssen.
Unrecht überwinden. Bitterkeit, Stärke und Milde.

wir Katholiken dadurch nicht gesellschaftlich stark, weil immer
diese menschl festgelegte Gerechtigkeit fehlt. Daß die
protestant. Menschheit mehr die Gerechtigkeit (auch
von Gott? und ist Gott insofern nicht wandelbar, so
doch anwendbar?) braucht und hat. Gerechtigkeit
als gesellschaft begründende Tugend dieser Zeit (Ge-
schichtsan⟨..⟩ der Gerechtigkeit kam mit dem
Protestantismus

Angst, wenn man merkt, daß man von Gott für weiteres
Tragen gesegnet wird.

Samstag, 6. XI.[Samstag, 6. November 1915]

Die Ungerechtigkeit ändert Gottes Pläne
z. B. zum Tode stellen [?] (Soldaten, Drückeberger) Nisch erobert
[5. November 1915]

⟨.⟩ Darum auch David!! (Ungerechtigkeit

Montag, 8. XI.[Montag, 8. November 1915]

am Samstag abend zu C. trübere Woche mit gelegentl. Regen
übernachten auch Sonntag. Pinakothek Thee mit Rilke
Montag, Scharfmacher [?] Pasing Meindl Hölzl. Man muß nicht in sozialem
Anklagetum hängen bleiben und auch da nicht zu viel mitleid haben. Diese Leute sind
nicht durchaus zu schonen und leise zu behandeln.

87

Freitag, 12. XI. 16 [sic][Freitag, 12. November 1915]

Blei. Diese Art Geistesverpoverung,
(das nachhinkend sittliche verpovert die geschichtl größere Wahrheit)
die sich katholisch heißt, weltlich werden. Wie man so
das Abbrechen, Zurückfallen, Abbröckeln vom neuen
Bau der Zeit sieht (Klein, Blei, Saitschick, Förster, Katholiken)
Ich könnte sagen: Gott zu liebe, aber es ist leichter gesagt
als getan und ist selber eine Gefahr. Man sieht, im Kriege muß
man auch anfangen, mit Gott zu streiten, um in der Ordnung nicht
nur seiner selbst, sondern auch seiner Geschichte zu bleiben.

Freitag, 12. XI.[Freitag, 12. November 1915]

wie jetzt plötzlich die freimaurerischen
(Diederichschen) Kreise zuvorzukommen trachten, Renaissance
als Verhängnis erklären, mittelalterl. Deutschtum aber
ohne Kirche wollen.

Bleis Artikel: In dieser Zeit, wo alles Wurzeln sucht, bringen wir
eine und die andere solcher entwurzelten Sachen. Höhle, wo alle
wurzeln (der Pflanzen der Erde) abgeschnitten {unterkellert}. Modernist. Hier
wohnt der Antimonast. Proletarisch, egoistisch Krypta
Hure x Heilige (Blei) ohne Kraft der geschichtl. Verantwortungsan-
nahme. Hoffnungsbarheit, ganz bloß – Enge der Haltsamkeit [?] wollen.
Versäumnis und Mitleid, aber auch nicht zu schnell [VR] erledigen, sondern warten, bis Gegenpart auch seine
Kraft hat, so daß er wirklich geschlagen werden kann.

88

Samstag, 13. XI. 15[Samstag, 13. November 1915]

Lieblosigkeit als Faulheit, Fabel
erfinden. Schuld an einem Untergang, Verrat aus Faul-
heit. Der faule Knecht | Föhnlicht am Morgen, Regen graublau
bedeckter Himmel, aber Giebel von Pasing und ganz Aubing Lochhausen ein
gelber Goldschein hell warm leuchtend mit brennend blitzend
Goldfeuerfenster Läuterung. Alls scheint ruhig und zugleich sich regend, auch die
Häuser und dahinter der rostbraune Wald in gold. Licht aber wie
hereinragend, dazwischen die Ebene Herbstgras dunkler und
Bäume und Bahnpfähle wie Menschen steil stehend. In
der Stadt hebt Wind an, voraus das Morgenzwielicht vor Regen
daß lauter kleine Schatten und Lichter (z. B. in den Kleidern)
neben einander spielen läßt und dadurch diese ziellose
schnelle kleine, fast wirbelnde, wenn nicht durch die kleinen
leeren Räume dazwischen getrennte Unruhe zeigt, wie geistige
Unruhe vor einem Sturm. Nachmittags wieder Sonneblick
schon in Höhe scheidend hinter das Haus um 4 Uhr, hell, klare
Säume [VR: Sonne]. Osten der gewitterblaue stark blinkende Glanz
und lichter der dunklen kleinen Kastanien und Knospen wo
Wassertropfen weiß funkeln und gleisen [sic]. Das Leuchten der
kahlen Ästchen ⟨1⟩ Gitter, durch die Sehnsucht langt

89

Montag, 15. XI. 15[Montag, 15. November 1915]

über Nacht erster Schnee, aber nächsten Tag wieder weg | Document
humain: nicht übel nehmen, wenn eins später seine An-
sicht ändert. diese Reuebereitschaft allg ist falsch

Got. Ges.

Eschatologie {vor Entschluß zu Geschichte} als Geschichte als Zwischen-
damm zwischen dem Glauben {Hoffnung} ⟨1⟩ Urchristentum
hatte auch Eschatologische Zeit cfr Hochland Dez 1915 S. 255

das germ. Volk und der Deutsche Staat
ist der weltlichste und darum auch
Gottstrittigste.


Individuum X Geschichte

Dienstag, 16. XI.[Dienstag, 16. November 1915]

Die Voraussetzung von Gesellschaft
und Staat im geschichtl Leben, daß jeder mit ganzer
gegenwärtiger Kraft arbeitet, dieses geistige Gesetz
der bestmöglichen natürl und geschichtl Selbstbehauptung
das bei dem Einzelmensch nicht gilt, da dieser durch
seine Freiheit die Selbstbehauptung wandeln und abstellen kann.

90

Mittwoch, 17. XI. 15[Mittwoch, 17. November 1915]

Dienstag, 16. Anfang dieses Winters. Die ersten Flocken
irrten einen ganzen Tag, als könnten sie nicht auf
die Erde finden, einzeln um die Ecken und Boden
trocken kalt und zu den Gestalten.

heute Mittwoch, nachts dichter ungesehen [?], so leicht be-
schneit die Welt und weithin weiß von oben und im Blick
aber im Ge⟨..⟩ die Wiesen nur gemacht als wie ein greißes [?]
Fell und gr⟨..⟩ gelbe Spitzen und Bögchen, Schlingen kraftlos
gegen den Fuß, selten auch ein brauner magerer Samenkolben
eines kleinen Halms. Nur wo die Erde lang vom Sommer
glatt getreten, liegt ein dichter Schnee, als sei die will-
kürliche Spur des Lebens getilgt und verraten worden.
es wird auf der Erde still. Gefühl, daß in Heimat
jetzt auf dem Feld ein Mann, der Vater auf dem Feld
ruft, laut sieht man ihn schreien, aber die Stimme
kommt nicht fort, der Schnee des vielen leichten Fallens
läßt nicht durchkommen, so wird die Erde durch viele
Widerhalle ? beruhigt. [nachträgliche Bleistiftnotiz]
Vornotiz erhalten

91

Soll ich mich ganz hingeben und absolut Gottes Nahrung
bloß essen (Elias in der Wüste.) ‡ Jede Sünde, wie sie
die Seele aufweckt und bewußt macht, aber Schauder, daß
auf Kosten Gottes und die Seele zum Bewußtwerden etwas
braucht, das vor Gott schrecklich. – Eile der Zeit
und stets Vorschnellen des Bösen und wilder
Jubel, daß selbst immer noch weiter voraus in
Gut und Bös.

Daß die Kirche in ihren höheren Organen (Bischöfe
Widerstände gegenüber dem Flämischen cfr Frankemölles Artikel), da wo sie
gesellschaftl. Faktor sein kann, auch dem mittel-gesell-
schaftsförmigen sich gerne angleicht, also französelt und
klassiziert, leichter als germanisch-charakterhaftig und
gotisch sein will. Nachfolge der Apostel! Man
sieht daran das in gegenwärtiger Geschichte stärker gewordene
Übergewicht des Primats, der als einzelne konservative
Charakterform zurückhaltender schon an sich enger und fester
ist oder und doch dabei schneller sich wieder zum Guten im
Entschluß wandeln kann. Paradox: der Einzelprimat ist haltbarer und wandelbarer
als die mittel demokrat. Einigung [VR]

92

Donnerstag, 17. XI. 15 [Donnerstag, 18. November 1915]

vormittags zart wilde kalte Farben gelb Blau fast rosig
sonniger Tag leuchtend, aber nicht warm. Freitag goldschlanken morgen erst
Fenster gefroren, Wege gefroren. Rauh, Schnee pulverisiert

Freitag, 19. [Freitag, 19. November 1915]

diesen Morgen 19. aus franz Nachricht in Zeitung zu lesen, daß Kaiser in
Konstantinopel einziehen soll. nachher hochdunstig und kalt.

Der Katholizismus hat in Frankreich seine Wolle
in Deutschland seine Keibel [?]
es ist verständlich, daß die Kirchenfürsten lieber
in der Wolle sitzen wollen. (cfr auch Tätigkeit Kardinal Meoricus [?VR])
Frankreich wie es Belgier etc beeinflußt. Der Deutsche ist nie
stark in diesen mittleren gesell und menschl Mitteln
Er kümmert sich immer um die Grundlagen, um seine eigene
Elementierung, wenn er nicht träge ist oder auch menschlich tot.

Samstag, 20. XI. 15[Samstag, 20. November 1915]

Wind aus Nord und Ost, nicht hungrig, sondern wie des Vaters
Botschaft, zufasst, bläst, wie seine rauhe Hand, fast
warm und feucht, ja rauh und schwielig, Horn und eines Baumes
Rinde. An einer Schnur ein weißes Stück gefrornes Tuch
schwankt langsam und Zweige sturm sich schneller rührend.
Menschen alle einzeln durcheinander geschäftig gehen, bevor
es dunstig dunkel wird wie Vöglein in [?VR] dem Neste schlafen
alle Kinder möchten schnellstens warmes Haus die Wand und Türen aber keine
Vögel in der unerhörten Stunde [??VR]

93

Mit seiner eigenen Gnadenüberlegenheit (weil bloß
in Einsicht sich teilhaft gemacht habend) nicht andere
schindend. Das Gleichnis von den 2 Knechten
„Bezahle, was du schuldig bist“, statt mitzuteilen
Sich von Schuld lösen durch Gesellschaftung.

Die Madonna und deutsche „Unsere liebe Frau“ ist das eigentlichste Wahr-
zeichen der christlichen Kunst, das tiefste und einfachste Symbol
der christlichen Kunstidee, der Gottheit in der Welt durch die Menschheit,
dieser Kunstidee, die zugleich geschichtlich und gegenwärtig beide möglichen
Formen der Kunst einschließt; darum sind die Zeiten, da das Christentum
noch der Welt die Gestalt gab, so überreich an Marienbildern,
die der Künstler noch in wahrer, mehr als persönlicher Demut
aus der engen Gefühlsnähe fernhielt und als Himmelsköniginnen
und Kaiserinnen sah und gestaltete. Weihnachten war noch größer
im Gefühl, als das ganze Volk noch die Botschaft empfing, zu jener
Zeit, da man auch den Gekreuzigten noch als Herrn mit einer Königskrone
darstellte.

[Es folgt ein eingeklebter Artikel aus dem Hochland]

Wie Gott Mensch geworden ist, so ist auch in der christlichen Kunst die gött-
liche Wahrheit in der Welt durch stärkste Erdnähe erreicht worden. Die geschicht-
liche und gegenwärtige Wahrheit und hohe Beständigkeit der Kunst der Brüder
van Eyck gleich zu Anfang unserer großen deutschen mittelalterlichen Kunst lebt
von dieser weltlich wirklichen und geistig geglaubten Gegensätzlichkeit, die bei
ihnen und besonders bei Jan van Eyck zu einer unlösbaren Einheit geformt ist.
Reine und einfache Wahrheit, sozusagen ohne Hilfe des Gefühls, nur geschmückt
mit aller Schönheit des menschlichen Daseins ist auch der Charakter des miniatur-
haft kleinen Madonnenbildes, das unsere Beilage, das Mittelstück eines Flügel-
altärchens, darstellt, Madonna im Chor einer Rundbogenkirche; das Motiv der
lebendigen Himmelskönigin in der Kirche, das jene Zeit so bevorzugte.

94

Sonntag bei C. Montag 22. XI.[Montag 22. November 1915]

früh Einberufung. Rauhreiftag
und bedeckt weiß Dienstag, Rauhreif bedeckt den ganzen Tag. Morgens
8 Uhr Kontrollversammlung Mittags bei C. Taumel. Mittwoch Donnerstag
die Sünde ist stärker als der Tod; das Geheimnis ihrer der Welt un-
vertilglich innewohnenden Kraft. Heimfahrt: In der Bahn:
Um der Gerechten willen verschone:.. Wenn auch nur 10 Gerechte...
darf man schließen, daß Gott in der Zeit, wo Christus nicht in
der Welt, mehr durch Lohn und Strafe seine Weltregierung durch-
gesetzt hat und daß seit Christus in der christl Weltzeit nun
auch die Menschheit geschichtlich die Freiheit hat, sich zu belohnen
und zu bestrafen, daß also in der Errungenschaft der Freiheit nicht
nur des Einzelnen, sondern auch der Geschichtssubstanz eine
Wandlung zu mehr Selbstverantwortung und Berufung
(Berufung zur Freiheit) geschehen. Drama

einzelbild von Bahn: das stille gelbe Laternenlicht in breiten
Wegschneetal im Freien noch vor Dämmerung wo Schnee und Baum
höher, die stehenden schwarzen Bäume, stille Männer dabei arbeiten.
Freitag früh nach Steinbach. Kirche für Vater (vorher zu Prof Joh. Schneit.
nachmittags schön Wetter, vormittags noch im Garten, bei Löwen
die Weidengerten Kronen gelbrot leuchtend als einzige Farbe im Schneeland.

95

Samstag vormittag starker Schneefall Vögel, gelbe Brüste sitzen
vor Fenster in Schneebäumen, groß und farbig warm wie Früchte. Nachmittags
zu Einkornvetter, alle Landschaft still vereinigt und Bäume treten
geschieden heraus, nicht mehr wie im Herbst, wo Bäume noch
Siedelung trennend mit Landschaft, jetzt getrennt wie totes
Leben beseelt, starke Trennung von Tod und Leben im Tode. Starke
Trennung von Tod und Leben im Tode.

Sonntag 28. XI. 15[Sonntag 28. November 1915]

Früh 7 Uhr starrend kalt in Schnee und Rauhreif, alles still
wie gebannt und geborsten von Laut feierlich.
Himmel violett mit Nacht getrennt Mond hoch [Strichzeichnung Halbmond]
starke Mondsichel wie durch geschienen geistig am Himmel.

Montag, 29. XI. 15[Montag, 29. November 1915]

Metaform: was ist die Substanz der Geschichte: der Mensch
steht zwischen Gott und Tier, zwischen Geist und Natur, er
er bildet durch seine prozessus, mit seinem Werk die Substanz
der Geschichte, das Drama, was den Menschen von dem unendlichen
Gott in die Endlichkeit absondert, das ist sein Werk
sein getanes Werk, das er tun muß. Nicht fatalität, sondern gegenüber
dem faulen Knecht geistige Notwendigkeit Geschichte zu machen.


[Bleistiftnotiz auf Umschlaginnenseite]
J. B. Max Scheler, Der Genius des Kriegs
und der deutsche Krieg