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Konrad Weiß: Kriegsbuch 1 (30. Juli bis 30. September 1914)

Konrad Weiß

Kriegsbuch 1

30. Juli bis 30. September 1914

1

Freitag, 30. Juli [Freitag, 31. Juli 1914]

Nachmittags Zustand der drohenden Kriegsgefahr angeschlagen. Ernste
Soldaten. Sparkassensturm. Im Hofgarten Vögel gefüttert
mit Brezelringen. Freitag, als Schmerzensfreitag, heiter warm

Ob Krieg gedanklich vorbereitet?

Vor 5 Uhr Rußland hat Brücke gesprengt, vor 6 Uhr Mo-
bilmachungsordre angeschlagen.

Durch den Krieg wird die deutsche ? wieder in die Geschichte gerissen
Abel Brudermord. nächtlicher Eindruck.

Zusammenschließen Widerstrebender. Blut bindet,
Gefahr bindet. Treue der Menschheit.

2

Samstag, 1. August [Samstag, 1. August 1914]

Soldat und Gott. Der einzelne Mensch Träger: Alle Theorie und Ge-
sellschaftsordnung ausgeschaltet. Nach dem Kriege wird die Welt
wieder um ein großes Stück weiter und freier sein. Gegen die
Friedensidee, selbst wenn einem auf Weg und Steg Krüppel
begegnen wie jetzt Vögel. jetzt kein Bild stellend

Obere Idee: Gesellschaft Bürger, Verderb

und unter dual Rettung [?] (?) (Ausgrenzung [nicht Ausgrenzung?]

Taktik Maß gegenüber Leben, Leidenschaft, keine
zwecklosen Dinge mehr tun

Staatsfürsorge und bürgerliche Schafherde
Ob Tagebuch auch durchgeführt wird oder Krieg ob er wieder zu Verrat dieser Gesinnungen
kommen wird (Gott sucht oder hat seinen Plan) [VR] mit der Menschheit.

Der Gedanke, wie sich ein Staatswesen besinnt
Selber ausrücken? Sorge für eine Behausung weicht bei Aufregung der Zeit.

3

Sonntag, 2. August [Sonntag, 2. August 1914]

Gegen alles Ästhetisieren (wie Art Berufsreaktion?)
1. Mobilmachungstag, die allg. pflichtgemäße Entschlossen-
heit (Sozialdemokratie) Löwenbräukeller, kleiner ausziehender Trupp
weinende Begleiter, stillere heiße Teilnahme
der Zuschauer,
regnerisch, fast ohne Schmuck

Milde jetzt ist der Ernst da. Man ist durch die Sünde
zu hart und zu weich. Bluttaufe, Blutbeichte.

Sonntagnacht

Nachts in den vorbei dumpf donnernden Zügen Vorbei-
fahren der Soldaten. So macht sich der Mensch durch Freiheit
alles psychisch schwer zu erleben, fabulistisch schmerzlich
zu empfinden, so je mehr individuell frei desto mehr
fernstofflich beschwert. An den schlafenden Orten vorbei fahren.
Friedensidee, russische Frage, gegen alle Bedeutung des Slaven-
tums. Dies ist Hingeben zu weit treiben und im ganzen
bloß reclusa gegenüber dem tüchtigen Protestantismus des primitiv pflichtmäßigen Gottesglaubens

4

Montag, 3. August [Montag, 3. August 1914]

Die morgens hereinfahrenden Reservisten, die die andern Leute zur
täglichen Arbeit gehen und fahren sehen. (denn es ist ja heut Sonntag für uns alle junge Leut) [VR]

Berufung und Einrufung (Fl. [Flaskamp])

Ihr Berge fallet über uns und ihr Hügel bedecket uns. Und doch geht
Zeit, sobald man aus Menschengewühl (Verhaftungen am Bahnhof,
Verprüglungen) hinausgeht, so ruhig wie immer. Heißer Tag,
falsche Geschäftigkeit. (Seelische Empfindlichkeit und zu ungehalte-
ne Bereitschaft). Sorget nicht für den morgigen
Tag.

setzt sich immer [VR] schnell auf das neue Pferd.

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Dienstag, 4. August [Dienstag, 4. August 1914]

Soldatenlied der Reservisten in dem Zug, der in Pasing am Bahnhof
hält „Denn der Oberst, der uns führet, hat keine Geduld“
Diese eigentümlich geistig friedliche Begrenzung, Lallendes Den-
ken.

Jetzt ist keine Zeit mehr zum Hinträumen und sein Leben dumpf
lieb haben. Die gedachte Metaphysik vergeht vor der gegen-
wärtigen Überordnung in ein anderes Zusammenstehen
unter der Menschheit. Nun greift die Zeit uns ans innere
Leben. Für Frauen, die keine Kinder haben und weibische Naturen ist
der Krieg und seine Aufregungen ein steter Reiz der Neugierde.
Wenn auch alle Gedanken darauf gerichtet sind, so ist doch kein
rechter Ernst, keine Gesammeltheit.

Worin muß nun die Gesammeltheit ihren wesentl.
Halt haben? Ausdauer, Tradition höherer Art, die
also durch Kriegszeit nicht überrumpelt werden kann.

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nicht bloße Angewöhnung und dadurch falsch geworden ist,
müßte einer Zeitschrift zugrunde liegen cfr. Schinnerer artikel
letzter Satz

die vielen Pferderemonten. heute besonders große Züge aus
München fort mit Soldaten. Man hat sich wohl eine
Mobilmachung turbulenter vorgestellt. Sie ist aber in
innerlicher Art aufwühlender, in ihrer geschichtl. Selbstver-
ständlichkeit ungeheuerlich und natürlich.

Kritik und Hingabe.

Unser geistiges Leben war bis jetzt zu sehr noch beengt
wie geweitet, zu sehr noch in unsicheren Weiten, doch
bücklings und eng herumgedreht, zu weit weisend und
doch zu eng deutelnd. Es war noch nicht gegenwärtig

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Mittwoch, 5. August [Mittwoch, 5. August 1914]

Sehr heiß. Gestern abend Augustinerkeller mit Caspar, Flaskamp und Frauen. Heute früh
erst die englische Kriegserklärung auf Pasinger Bahnhof von Graf P. erfahren.
Der gediente Landsturm wird einberufen.

Jetzt fühlt man, daß die Zeit ins Schwanken kommt auf der Erde
und daß die Füße den Erdboden zu verlieren drohen. Bis
jetzt war man erschüttert und von Seite zu Seite gestoßen. Nun
wird man fast losgelöst und verliert die notwendige geistige
Schwerkraft. Doch auch schon ahnt man, was die Gewohnheit
der Gefahr den Geist vielleicht direktionslos, formlos und unbe-
wußt machen kann.

Der Verrat Italiens, wie er auf die Katholizität
wirken muß.

Die Hoffnung auf Gott für eine lange und gesegnete, arbeits-
folgerichtige Zukunft des Lebens verkürzt sich auf eine
bloße Frage nach dem gegenwärtigen Schicksal. (Hiervon

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Pietismus und auch Anfang von Kulturlosigkeit verstehen).
Nicht wie der überflutete Schwimmer, sondern das Volk und die geistige
Haltung des Charakters mag aber werden wie ein leichtes
Holz, wenn die Tradition der Geschichte nicht zur Charak-
tergewohnheit geworden ist. Wie sehr ist in diesem
Sinne Preußen doch zu bewundern, das die Last des Krieges
doch in den stärksten Folgerungen schier allein und
fast wie ein bekanntes ausgerichtetes Gewicht in die
Arme nimmt und schleudert.

Die Zeitungen sind recht leer und alles jetzt in Schwebe.
einige kleinere Erfolge bei Rußlands Grenze und Vermutung,
daß die Truppen durch Belgien bald bei Sedan stehen.

Das Aufheben vor dem Schütteln der Loose.
Die Grundfesten der Erde scheinen ins Wanken
zu kommen und man weiß doch, daß die Erde wieder

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und auch jetzt im Augenblick in vielen Ländern in der
gleichen Beruhigung des Daseins lebt, wie sie zum
Gefühl des zeitlichen Geborgenseins gehört, ohne das der
Mensch den Weltraum nicht ertragen könnte.

Man fühlt, daß Gott den Mund öffnet und anfängt,
mit seinem Atem die Menschheit einzuholen.

Michael

Segen und Fluch. Michael in die Zeit gestiegen.
Auch der dies schreibt, fürchtet die Beendigung seiner
Zeitlichkeit, also noch erbsündlich belastet!

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Donnerstag, 6. August. [Donnerstag, 6. August 1914]

Heftiger Regentag.

Behr nach München gekommen, um sich am 7. zu stellen. Hofbräu

Die Masse und die Fähigkeit des Einzelnen. Wie jedes
wirkliche und eingebildete Verdienst und jeder Berufungsgedanke,
den der Einzelne sich in der Geschichte zuteilen möchte, zu
schwinden scheint.

Die allgemeine Wehrpflicht als eine hohe und furchtbare In-
pflichtnahme und Anspannung der heutigen Menschheit.
Das Leben des einzelnen selbst im Inlande bei Unachtsam-
keit gefährdet (dagegen doch das spürbar [VR] allg. Sicherheitsgefühl)

Nachts in meinem Bett ein Unteroffizier Einquartierung.

12 [sic]

Freitag, 7. August [Freitag, 7. August 1914]

Heißer Tag

Die dumpfe Trauer und Frage. Die Ungewißheit und ihre lang
über die Zeit hingestreckte Spannung. Wie jetzt
die Generation gedehnt wird und das Volk jetzt aus
den lokalen, aus den topischen Fundamenten gerissen.

Die fortdauernde wogende Erschütterung und fast Zerbröckelung des Inneren.

Truppenabzüge, Pioniere durch die Bayerstraße. (Pontons)

Eine neue Art Gefühl solches verlassenen Wesens gegenüber
dem Berufungsgefühl, wenn sich die einzelnen Bekannten, zuerst
Bruder, dann vielleicht nur bekannte Fahrtgenossen
von der Gewohnheit des täglichen Zusammentreffens abspalten,
so fühlbar die Generation sich zerspaltet und wie
eine Rose auseinanderblättert, von der

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kein Kern da ist in dem eigenen Wesen selber,
sondern eine höhere unsichtbare Seele, die alles
von sich fallen läßt.

12

Samstag, 8. August [Samstag, 8. August 1914]

Gestern abend noch Telegramm: „Lüttich erstürmt“. Soldat am
Bahnhofsgitter: „Wos sog'ns?“ „So, no hauts jo.“
Heute 1/2 6 Uhr früh durch Pasing viele Artillerie. Heute
und gestern viele Truppenzüge fort.

Das in sich verkeilte, verknäulte Menschenwesen „ich
lasse dich nicht, du segnest mich denn“, ist hier: „ich
lasse dich nicht, du wendest mich denn, du be-
rührest mich denn“, und dieses „Dich“ ist nicht
Gott, sondern mehr Gott und Menschenwesen zusammen, so-
wohl Fluch als Segen, eine Gottversuchung in der Geschichte.

(Michael) Sinn des auserwählten
Volkes in den Deutschen

(Israel)

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Sonntag, 9. August [Sonntag, 9. August 1914]

Einquartierung in den großen Bierkellern.
Heißer Tag. Vielfache die schwere Stunde vergessende
Fröhlichkeit. Das erste Todesahnen und Grauen ist
mit der ersten Kriegswoche schon vorübergezogen
und die Gemeinschaft atmet schon wieder gerne einen Augenblick
auf. Die vielen Sanitätssoldaten, Zurüstung
der Sanitätszüge.

Hoffnung, sich Gott hingeben, Sinn der Hoffnung.

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Montag, 10. August [Montag, 10. August 1914]

Immer sehr heißes Wetter.

((„⟨1⟩ schafft reclusenhaft“ ist doch rein
zeitlich)) (Die Eigenschaft des Krieges)

Daß der Krieg auf die Zergliederung wirkt und ist doch vorüber
gehend, wird in Gemeinschaft vollführt und muß doch
dienen, immer mehr den einzelnen frei zu machen.

Der Sinn der plötzlichen vielfachen Hinopferung
gegenüber dem Bewußtsein, daß Zeit doch wieder zur Ruhe
kommen muß. Jetzt (!)1 müßte das wahre persönliche
Selbstvertrauen wachsen. Krieg als Zeit wahrer
Hoffnung gegenüber einem bloßen fatalistischen
Vertrauen auf Erhaltung.

Michael - Hoffnungs-Thema

geschichtliche Charakterform gegenüber dem
Luciferischen Zeitformalismus und

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Fatalismus des intellektuellen Geborgenseins
Mit der Selbstbesiegung wird auch das Leben behauptet.
Michaelthema: „Der das schreibt, graut sich zu enden
und um nicht enden zu müssen, fürchtet er
sich selbst anzufangen wegen Todesangst (der
vorweggenommene Tod wie auch die paradox vorweg-
genommene Seligkeit)

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Dienstag, 11. August [Dienstag, 11. August 1914]

Mehr in den Krieg hineinkommen! Immer noch Soldaten-
züge und Einquartierung. Aber haben wir denn diesen
großen Krieg und geht doch alles ohne viel Änderung seinen
Gang. Wie die Menschheit es so leicht im ganzen
erträgt.

Dem Krieg im Geiste nahekommen, auch wenn die
Schrecknisse ferne bleiben.

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Mittwoch, 12. August [Mittwoch, 12. August 1914]

Nicht nur nicht Helfer, sondern Mörder
Michael gegen Mord für Enthaltung

Der Brudermörder

Sich versagen! Sich der wirkbaren Gegenwart versagen!

Michael ⟨1⟩ gegenüber dem abergläubisch Glauben.

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Donnerstag, 13. August [Donnerstag, 13. August 1914]

Heute früh der Unteroffizier Kleinlein aus meinem Quartier
abgeritten, kommt wahrscheinlich nach Belfort.
Wandlungsläuten während des Abritts der Munitionsko-
lonne wie ein Zügenglöcklein.

[Anm.: Die kleinste Glocke, die „Zügenglocke“, kommt zum Einsatz, wenn ein Mensch verstirbt. Früher wurde diese Glocke bereits geläutet, wenn der Sterbende in den letzten Zügen lag. Daher kommt auch die Bezeichnung „Zügenglocke“.]

Gegenüber dem bloßen tatlosen, selbst feigen Glauben, daß
man in Gottes Hand sei, tut die Hoffnung not, daß
man in Gottes Hand frei sei, brauchbar sei,
ausgelöst sei, gestorben lebendig sei. Wie
kann man Gott zuvorkommen?

Ist eigentlich
nicht das Michaelthema, sondern eines Antichrist.

Dieses Zuvorkommen, Humor, Ironie, Paradox als
Vorflucht der Sündigkeit ist der heuchlerische
Trieb der Weltgeschichte, die Besserheit der gesellschaftl.
Gegeneinanderbehauptung, des Krieges, das Recht des Krieg machens.

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Freitag, 14. August [Freitag, 14. August 1914]

(später nachgetragen als Reflexion)

Hinabsinken in Gewohnheit. Wer körperlich nicht mar-
schiert und in Schanzgraben ist, wer nicht die Erde mit
Disteln umgräbt, der kommt immer in die schlechte Freiheit
seines Lebens und ist der individuellen statt der
notwendigen Gewohnheit, der Askese, ausgesetzt.

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Samstag, 15. August [Samstag, 15. August 1914]

Maria Himmelfahrt.

Essen bei ⟨1⟩ nach der Kirche. Regen und Spaziergang zu Kaserne Oberwiesenfeld.
Nachher gemeinsam in Löwenbräukellersaal, wo zwei Pfälzer Soldaten, Eisenbahn kompagnie

Sonntag, 16. August [Sonntag, 16. August 1914]

Faules Daheimsein

Montag, 17. August [Montag, 17. August 1914]

Zweifelstimmung, Arbeiten, um dem gegenwärtig deutschen
Wesen weltanschaulich in den Rücken zu fallen.

Die Eile der Zeit, daß der Stoff dem Gedanken immer
so schnell zuvorkommt.

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Dienstag, 18. August [Dienstag, 18. August 1914]

Bloß von heute auf morgen leben, das ist nur
ein Verdienst, wenn man es im Ordenssinne kann.

Singen unserer Soldaten. Triller bei Tod, Schlacht-
Todgesang.

Jeder Moment mit einer gleich übernatürlichen Last

Verantwortung um Gebet [VR]

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Mittwoch, 19. August [Mittwoch, 19. August 1914]

Die bisherigen Erfolge versprechen einen guten Gang, aber
das Gefühl, daß es dem Deutschtum und doch schon
stark angesteckten und auch in seiner Unreife verharrenden
germanischen Weltwesen, das den Verderb
einerseits und eine gewisse topische Verstockung ande-
rerseits nicht aufgeben kann und will zur Entäußerung
in die wahre hl. geistige Zeitentäußerung {? erfüllung} und seine
westliche und beladen natürliche Mission, zu
gut gehe, daß es nicht auch als Ganzes, nicht
bloß in der vielen kommenden Trauer der Einzelnen
und Familien, den Becher des Schmerzes und
eine Ölbergentsagung annehmen müsse.

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Donnerstag, 20. August [dahinter ein gezeichnetes Kreuz][Donnerstag, 20. August 1914]

In dieser Zeit der Erschütterung der Erde ist heute Nacht
der Papst gestorben. Gott fährt fort, die Menschheit
umzuwühlen und jetzt kommt auch die geistig höchst-
mögliche Kontroversität, die viel mehr Entäußerung
zu guter Lösung verlangt als die nationale, die
dem Leibe in der Lust der Freiheit nahe bleibt.
Hier fehlt alle Lust der Freiheit und die Idee ist nicht
erkannt, ist rein ausgeliefert. Hier waltet der
hl. Geist nur dem Gläubigen und fordert doch die
Mitarbeit jedes Wissenden. Keine Zeit so den
Zeitgenossen

wem ist man jetzt noch
Zeitgenosse
aufhören und Anfangen ist eines.

Eucken?
Kirche, der Wahrheit
ausweichen. das Näherkommen
an das geschichtlich Dringliche an die Welt

24

[Erster Entwurf des Gedichts Kalvaria]

Jetzt kommt Mensch zu Mensch
Adam ich trage dein Gesicht
Adam, du siehst mich nicht
Kain, siehst du es nicht
Hiob


Nun kommt Mensch zu Mensch
Und sagt, das Haus ist leer
Der Vater ist allein



Mensch zuletzt wieder
Christus

Die grausige Aufregung des
Todes als Freude

Leben einsetzen
als Schluß:
Nie ist der Mensch hier so allein
wie wenn er beim Vater ist




Und alle stehen draußen
Und keiner tritt herein

Hiob, und die Freunde trauen
sich nicht hin zu ihm.

Kain
Hiob
Gott Vater alt



25

Freitag, 21. August [Freitag, 21. August 1914]

Lügenwelt, Tartaren [?] nachrichten, Grausamkeiten, G⟨..⟩

Papstidee und Ereignis kann nicht ⟨1⟩ aufkommen, dieser natur-
(nicht Kultur)fromme Papst ist mitten in großer Geschichte
als ein paradoxer Kontrast still natürlich gestorben

(Gedanke des natürlichen Abscheidens Todesopfer
als geschichtlich zusätzlich dramatisch)

Gleichmut

26

Samstag, 22. August [Samstag, 22. August 1914]

Zeitgenossen, Löwen erobert haben [? VR], Kulturzerstörung
den Freunden in den Rücken fallen, nicht [??] schwächliche
Kunst und Leben Denker

Es gibt auch eine Zeit nachher und darauf
muß man sich vorbereiten,
die alttestamentl. Sprache ist eine Kriegssprache, keine
Pastoralsprache.

27

Sonntag, 23. August [Sonntag, 23. August 1914]

Mittagessen: Wurst, Bier, Pfeife allein in Augustinerkeller mit Corriere
della sera. Verräterische Italiener. Vorher dem Kanonier
mit braungelbem Fuhrmannschnauzbart Päckchen Zigarren ⟨1⟩.
besinnungsloses, schaugenießendes Dasein.

Montag, 24. August [Montag, 24. August 1914]

Nationen, Rassen und Eroberungen. Ob nicht das Prinzip
des Nationalstaates und auch das weitere des Rassenkriegs
wieder hinter dem höheren, ideelleren des Erober-
ungskrieges zurücktreten muß, nicht liberaler
Eroberungskrieg aus Geschäft, der bloß bis zum equili-
bristischen Gleichmaß geht zum kleinen Mittel,
sondern konservativer Eroberungskrieg aus
Geistes- u. Charaktermacht.

28

Das eigentliche Paradoxon ist, daß man in Humor
in allen Ernstes zum Volk zurückkehrt.

Es darf keine weltliche Neutralität geben.

Morgens, Soldaten die Gemüse kaufen, noch in ihren
alten farbigen Uniformen auf ihrem Wägelchen sitzend,
das ganz voll Blumen ist.

Unser Leib soll uns nicht gehören.

29

Dienstag, 25. August [Dienstag, 25. August 1914]

Gemeinheit der „Jugend“ und des „Simplicissimus“, die von einer
Nummer zur andern aus der Gemeinheit zum vaterländi-
schen Machertum übergehen. Wer sind die eigentlich
Gemeinen, über die Lauen hinaus, die aus dem Munde
ausgespieen werden, gibt es diese ganz Charakterlosen

Mittagsspaziergang nach Oberwiesenfeld.

Man bleibt mit der Gemeinheit zu Hause und die
Leidtragenden sind auf dem Bauernlande oder
versteckt.

Der Soldat, der hinauszieht als sich von aller Gemein-
schaftsschuld und Vergesellschaftung befreiend, andere
Art von Ordens- und Erlösungsidee: Bluttaufe, Blut-
firmung, Kommunion, letzte Ölung, alle Sakramente
werden auf einmal ernst.

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Luziferische Vermessenheit: sich nicht zu bessern, um
noch nicht bereit zu sein, um sich Gott noch nicht
anbieten zu brauchen im vermessenen Glauben,
daß er dann die Frist verlängert.

Namur schon bis auf 4 Forts erobert. Von Ruß-
land her Eindringen des Feindesheeres, vielleicht aber
im Plane der deutschen Heeresleitung?

31

Mittwoch, 26 August [Mittwoch, 26 August 1914]

Sieg der Österreicher über die Russen.
Verwundetenzüge völkerrechtlich hergerichtet

Gegen Foerster und die enge Art des Ethischen gegeüber dem
viel mehr als Ethischen, das ein Krieg bringt, wo jeder
Mensch mit Bewußtsein oder bloß Instinkt dem Schick-
sal sein Leben zur Entäußerung bringt. Wie viel mehr
wert ist doch diese ganz aus sich heraus kommende
Erschütterung gegenüber dem engen Basteln und Nörgeln
an dem sittlichen Individuum. Hier geschehen ver-
borgene Dinge, die Geheimnisse Gottes, die zwar
vielfach praktisch nachher geheim bleiben wie
vorher geheim waren, aber gerade in ihrer Unerreich-
barkeit {Unerrechenbarkeit} die wahren Weltstützen sind. Im Kriege
erhält Gott die Welt in ihrem Fortgang.
Hier waltet der stärkste Glaube (als Hall und Widerhall, als „Adam, wo bist du?")

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Donnerstag, 27. August [Donnerstag, 27. August 1914]

Witz und Krieg. Welcher Art Humor? Werke.
Krieg als Werker. Das soziale Problem
spätere Reflexions Einfälle statt durchhaltende Kraft

Freitag, 28. August [Freitag, 28. August 1914]

Sieg über Sieg: Furcht vor Überhebung.

Man kann und darf dieser Zeit nicht entfliehen, sondern
muß sie möglichst in sich aufnehmen; denn das Heil ist
nicht in der Flucht, die sich biblisch maskieren will:
wo man sich verstecken möchte an den äußersten Grenzen; sondern
ist mitten in der Zeit und Stadt und auf dem
Felde.

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Samstag, 29. August [Samstag, 29. August 1914]

Löwenbräukeller Mittags, dann nach Oberwiesenfeld. Gespräch mit Flaskamp
über Deutsche, Preussische und Frankreich. Über Zerstörung Löwens (cfr Futurismus und Nationalismus)

Ob jetzige Liebe zu Preußen auch bloß Egoismus, weil sie gut schützen.
Das Fürchterliche, daß so viele Leute in den Krieg gehetzt
werden. Die historische Verantwortlichkeit stärken.

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Sonntag, 30. August [Sonntag, 30. August 1914]

schönes Wetter. Spaziergang (nach Mittagessen in Löwen-
bräukeller, wo dem Soldaten mit Vater (ähnlich Bernhardt)
eine Maß bezahlt), über das heiße leere Oberwiesenfeld
Würmkanal nach Gern, Nymphenburg, dann über Zentralwerk-
stätte nach Pasing. Diese allgemeinen Sonntagnachmittag-
spaziergänge während der Kriegszeit bei schönem Wetter.

Montag, 31. August [Montag, 31. August 1914]

Wann ist das Maß voll?
Leere der Zeit erfüllt mich ganz
Fülle umspannt mich stets
wie bin ich gekreuzigt!
Arme
Füße
auf der Brust

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Dienstag, 1. September [Dienstag, 1. September 1914]

Das Versagen internationaler Verträge, dieser Gleichgewichtsme-
thoden, die gerade von England am wenigsten gehalten werden.
Welch relativer Wert dieser Verträge, dieses Begriffs der Regel
bloß unter sich und in keinem weiteren Hinblick als in
dem einer verabredeten Menschlichkeit.

Caspar aus Italien zurück. Stupidität der ital. Zeitungen. Deutsch-
land das eigentliche alleinig verantwortliche Volk der Erde.

36

Mittwoch, 2. Sept. [Mittwoch, 2. September 1914]

Sedanstag mit Beflaggung.

In dem Maße, als sich Frauen am politischen Wirken
einer Partei beteiligen, in dem Maße wird diese Partei und
dieser Volksteil unfähig, auch welt- und außenpoli-
tisch, also in höherem Sinne kulturpolitisch zu
arbeiten. Daher schon in Kirche: mulier taceat in
ecclesia, weil die kirchliche Aufgabe eine welt- geschichtliche ist.

Aber auch je mehr Klerus in den inneren Weltgeschäften
politisch wirksam ist, ums so mehr wird die großzügige
Freiheit und die plötzliche leib- und geistige Hingabe
an die geschichtliche Notwendigkeit in einem fast blind
stolzen Vertrauen auf Gott verhindert. So kommt
das protestantische Werk der jetzigen Weltzeit in einer
edlen Unbedenklichkeit, die im höchsten Sinne Verantwort-
lichkeit ausschließt, im nächsten bloß ethisch ist, zustande.

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Nachts noch Siege zwischen Reims und Verdun.
Unter Tags aber lauere Spannung, da Riesenschlacht
der Österreicher noch unentschieden und auch nicht viele
deutsche Nachrichten. So kommt ein gewisser Rhythmus
ins ganze geistige Volksleben und zeitliche Weltgeschehen,
indem Technik und Strategie und rassige und heutzeitige
Massenhafte Menschenkraft dem Odem der Zeit
Perioden setzen, Spannungen und Entlastungen des
zurückgebliebenen Menschenteils.

38

Donnerstag, 3. September [Donnerstag, 3. September 1914]

Vom Zug aus den weiten blau ziehenden Himmel
mit wenig Wolkensäumen, und da der Gedanke, daß
Millionen an Landgrenzen und auf Ackerfeldern
aus Wäldern hervor und den glänzenden Hügeln sich töten
und der leichte Rauch und Staub und die Ruhe des Himmels,
die fast geschäftig ist, zwischen Leben und Sterben sich
still zu halten und natürlich.

Man muß immer Staunen, wie Kriege möglich sind und die
Menschheit sich so in der Allgemeinheit solchen Leiden hingibt.

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Freitag, 4. Sept. [Freitag, 4. September 1914]

Großer Sieg der Österreicher ist auf den preußischen in Ostpreußen
und die Siege bei Reims und Verdun gefolgt. Dabei neue
Spannung mit dem weiteren Blick in die (was Ägypten
und Indien tut) Welt, nicht mehr die enge Spannung um
das heimische Schicksal, sondern die Angst vor der Hybris.
Welchen Sinn kann diese klassische Geistesstimmung
haben, inwiefern bleibt sie gemeinhuman, da die
Entäußerung nicht vollkommen in Gesellschaftsform erreicht
werden kann, inwiefern lebt also etwas fort, was
mit dem klassischen Wesen sich berührt

Die letzte Tröstung protestantisch oder katholisch
alte Kultur und tradierter Gewohnheitsablauf des
Lebens wie es ist gegenüber neuer Gemütsanstrengung
im Moment. Auch hier das Geheimnis der

40

selbstverständlichen Entäußerung im Kriege, die beim einfachen
Leben Gewohnheitstat sein muß gegenüber der gemüthaft erhöhten
Bürgerlichkeit, einer eifrigen Anhänglichkeit ans Ideelle,
die aber keine Form ist (angeregt durch Reichs [?] Zeitschrift Nr. 36)
(Friedhoffrage schweigt leider nicht bei solcher Gelegenheit, da doch jeder
die Bluttaufe empfängt.)

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Samstag, 5. Sept. [Samstag, 5. September 1914]

Ausflug mit Fl. nach Schleisheim, heißer, schöner Tag. Franz. Gefangene bei
Erntearbeit. Frachtwagen. Unverantwortliches Leben.

Sonntag, 6. Sept. [Sonntag, 6. September 1914]

zu Hause gewesen, Apfelmus Thee.

Die fortdauernde Möglichkeit im Angesichte Gottes zu
vegetieren. Gottes Recht gibt den Menschen ihr Unrecht.
Der fällt und der schmarotzt am Leben weiter. Das faule
Grübeln im Gegensatz zum Luziferischen.

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Montag, 7. September [Montag, 7. September 1914]

Psychologie der Volksleitung auf auf Rückschläge hin arbeitend.
(Literatengedankliches cfr Neue Rundschau Kerr)

Aberglaube gegenüber dem 2. Teil, daß in jedem das Miß-
trauen vor dem zweiten Teil eines Ereignisses steckt,
vor dem Schicksal einfach, wie reimt sich dies mit
Statik der Seität und persönl. Verantwortlichkeit.

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Dienstag, 8. September [Dienstag, 8. September 1914]

um 12 Uhr zieht wieder ein Trupp mit Tornister und
Gewehr „Wacht am Rhein“ singend, in Unterfahrt, lang
hallt der Gesang heraus, wo sie hineingingen. blaue
Kittel und weiße Hosen

Wieder keine Nachrichten. Die Langsamkeit der Zeit.
Gottes Mühlen. Man hat immer noch Zeit, sich einzu-
stellen in die militia perennis. Früher im Frieden
glaubte man keine Zeit zu haben und man müßte
darum der Zeit vorauseilen, daher das Paradoxon in
der Lebensmeinung, jetzt hat man Zeit genug
und wartet sehnlich auf Gottes Fingerzeig; jetzt
müßte das Paradoxon wieder aufhören und die wahre tätige
Bereitschaft und wahre Hingegebenheit als Humor in
Seele alleinig werden gegenüber Paradoxon als Vor-
weggenommenheit.

cfr. auch Gegensatz: Michael: Hingegebenheit
X
Lucifer: Vorweggenommenheit

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Mittwoch, 9. Sept. [Mittwoch, 9. September 1914]

Das Pflichtdurchhalten im geistigen Begleiten {comes} des Krieges. Die
Schwierigkeit des Fortgangs, das Problem der guten und bösen
Beharrlichkeit und Krieg. Auch das Geschick der Ermattung
das humanistisch formale Beharren als luciferische
reclusa ohne Geschichtsanerkennung.

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Donnerstag, 10. September [Donnerstag, 10. September 1914]

Schlachtanfang bei Meaux, Montmirail. Erfolge aber
Zurücknahme des deutschen rechten Flügels. Die große
Spannung
und gewisse (?)

[es folgen weitere Entwürfe zum Gedicht Kalvaria]

rief nun der Herr, ich bin die Stimme nicht

Adam, ich trage dein Gesicht

Nein, ich bin nicht der Herr bin Hiob
Nein ich bin Adam, ich bin nicht der Herr
Der Herr der bin ich nicht ich Hiob

Job      Christus nicht

Und spricht das Haus ist leer

Als fürchte er die Rede so er spricht
Warum rief Gott mir nicht

Schlußvers:

Berge stürzet über mich, Hügel bedecket mich.

Etwas einfach sagen können. Was ich nicht kann, den
einfachsten Ausdruck finden, dann bleibt die Erde stehen
in Wahrheit alles fest.

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Freitag, 11. Sept. [Freitag, 11. September 1914]

Der Zustand des deutschen Wesens nach dem Kriege
vor 100 Jahren die Regierung nach dem großen Kriege der
Aufgabe nicht gewachsen

[aber im Kriege die einzelnen Männer

anno 1870 die Parteien, Liberalismus dem Kriege
in falscher Überhebung nicht fruchtbar verantwortlich

[aber das nationale Volk

heute das Individuum, das falsch natürliche,
naturalistisch geschichtskulturlose, Horneffer
Avenarius

[aber die Masse, eine neue Getragenheit des inner-
weltl. Gesellschaftsgedankens)

eine gewisse Ausmüdung, die das nächste Mal, wenn
nicht höhere Form des Staats, eine höhere Ge. hierarchie
eingetreten ist, eine Volksgefahr wird.

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Samstag, 12. September [Samstag, 12. September 1914]

Ob Gefahr nicht von Protestantismus kommt, das künftige
Deutschtum je wieder groß machen zu können, da dem
Protestantismus das Deutschtum jetzt wieder zu weit,
zu weltideell, zu katholisch wird, dadurch auch
zu sehr wieder der stofflichen Genauigkeit und engen
Daseinsbehauptung mit Mittel, Technikausnutzung
entzogen und eine Weltverwaltung anderer Geistes-
ordnung (cfr die englische, aber höhere, hingeordneter
als diese nötig wird

Confessionelle Conflikte gegenüber dem Natürlich-Übernatürlichen

Das heißt das Problem des Übergangs aus der Zuständlichkeit
in Wirkbarkeit ((aus dem Bekenntnis zur Tugend))
((aus der Tätigkeit zur Eigenschaft))
Tradiertheit, (aus Natur zu Rasse zu
Katholizität

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Sonntag, 13. September[Sonntag, 13. September 1914]

man darf nicht mit den Parteien regieren sondern
mit den Menschen.

vom Dasein zum ewigen Leben direkt in
ordine übergehen können.

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Montag, 14. September [Montag, 14. September 1914]

Österreich kommt bei Lemberg nicht vorwärts und muß in
Polen rückwärts. Die Gefahr für den Katholizismus, wenn
Österreich ganz in seiner Existenzrettung von Preußen
abhängig wird. Katholizismus und Deutschtum, die Leidens-
aufgabe des Katholizismus gegenüber Erstarkungsmacht des Protestantismus
im Deutschtum.

Die gespannte Stimmung und das harte Warten dieser paar
Tage, obgleich von Hindenburg wieder großer Sieg in Ostpreußen.

Sicher würde bei einer Abstimmung im Kardinals-
kollegium mehr der Sieg für Frankreich und seine alliés
gewünscht als für Deutschland und Österreich. Wenigstens
haben wir allgemein die Empfindung und glauben, daß das
falsche liberale Italien nicht von dem klerikalen
Beamtenvatikan desavouiert würde. Um so weniger darf man
dem Protestantismus, so er es ehrlich ist wie unser Kaiser, in den Rücken fallen.

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Dienstag, 15. Sept. [15. September 1914]

Ob die deutsche Kriegslosung ausreicht, um für sie
Gottes Hilfe für den Sieg des Deutschtums zu erflehen
und geschichtlich berechtigt zu halten.

Mittwoch, 16. September [Mittwoch, 16. September 1914]

Der Sinn der drei göttlichen Tugenden,
welche Art von Aktualität.

Kriegsbuch gegenüber dem Ordensbuch. (darin 26. Sept. nachgetragen [VR])

(Seite nicht numeriert)

Donnerstag, 17. September [Donnerstag, 17. September 1914]

Schlechtwetter Tage. Stehende Schlacht zwischen Paris und Verdun.
Unentschiedene Spannung.

Wie wenig Menschen doch ihrem Staatswesen überlegen sind
und in die Geschichte nur Gott noch allen verantwortlich eingreifen,
sonst könnten solche Kriege nicht entstehen im Anschluß an einen
Mord (?)

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Freitag, 18. September [Freitag, 18. September 1914]

Von Unterfahrt Paul Heysestraße kommen einige 100 Soldaten
noch blau uniformiert mit Gewehr heraufmarschiert, während auf der
anderen Seite ca. 100 Pferde von Soldaten geführt hinein
marschieren und auf Bayerstraße ein Trupp feldmarschmäßiger
mit Blumen geschmückter Landsturmleute vorüber mar-
schieren. Hurrabegrüßung. heute schon früh ein Pferdetransport
durch, außerdem Landsturm mit Blumen feldfertig mit
Rädern zu Pferd und mit Kolonnenwagen. Scharfer Herbst-
wind, weiße Wolken am blauen Himmel. (Auf dem Rücken
liegender Schimmel Wolke). Die vielen vielen am Bahnhof einzie-
henden Landsturmleute (nachmittags) von Arnulfstraße her
wie seinerzeit die „Leiber". Das Singen der Landsturm-
gruppe durch Unterfahrt so hart und gestoßen: „Der Hauptmann
er lebe, er geht uns kühn voran." [VR]

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Samstag, 19. Sept. [Samstag, 19. September 1914]

Ob nicht in Wissenschaft und Kunst jetzt durch den
Krieg wieder andere als naturentwicklerische Gedanken
und Richtlinien Geltung bekommen werden, andere
Gedanken als Artverhaltung und Artveredelung und sonstige
müßige und ballastlose Reden.

Bedeutung der Flüsse und Gebirge in Volk und Krieg

Bildtext (Oktoberheft):

[Es folgt ein eingeklebter Artikel aus dem Hochland]

Albrecht Dürers 'Gewappneter' kehrt in seinem Werke 'Ritter, Tod und Teufel' wieder, jenem deutschen Werk innerlicher Kraft und natürlicher Gelassenheit, das am Anfang der Zeit entstand, wo die Kämpfe der Menschheit aus Naturinstinkt und Weltanschauung sich immer mehr trennten und gemeinschaftlich bewußt für stoffliche und eigensüchtige Dinge entbrannten. Von da ab hörte das Kampfbild auf zu sein, was es vorher war: geschichtliche Erfahrung der Seele und Symbol zugleich. Dürer brachte diesen Gegensatz in seinem wunderbaren Werke zum letzten und stärksten natürlich-symbolischen Ausdruck. Es gehört zum innersten deutschen Wesen, Geist und Natur, den Menschen und seine Widersacher so vereint auf einem Wege ziehen zu lassen; aber auch das deutsche Wesen hat diese bildende Kraft mit seiner kulturellen Einheit in der Folge verloren. Was ihm aber geblieben ist, das Vertrauen in die Wahrheit seines Daseins und seiner geschichtlichen Aufgabe, das zeigt der 'Gewappnete' allein, der fürderhin der Deutschen Symbol und Aufgabe geworden und geblieben ist.

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Sonntag, 20.IX.14 [Sonntag, 20.September 1914]

[Für diesen Eintrag wurden beide Heftseiten genutzt, erst rechts, dann oben links]

Sehr schlechtes Wetter Nachmittags stundenlang auf Redaktion Correkturen.
In Kirche gedacht: daß kulturerhöhter Einzelmensch, daß dies
Individuum einer höheren Staatsimmaculata sich genau
so mit Leib und Seele Blut verteidigen muß wie die
Barbaren, daß Krieg gleich bleibt als Blutopfer und Blut-
forderung ganz unabhängig von Kultur.2 Ein erbsünd-
licher Blutbann und jeder höhere Mensch jedem
Barbaren im Blutbann gleichgestellt und zur Wehr
gehalten ist. Fleisch und Blut ist der Fortdauererhalt
der Welt

((Aus Begier {gegen die Ruhe des Vaters} und Neid {des Geistes} ist der Stoff entstanden, das Drama
der Schöpfung ))

ist der Christus, der am Abendmahl der Agape bereit
sein muß, mit dem Blute das Opfer zu vollbringen. Krieg
als Fortsetzung der Messe und Sakrament. Krieg wiederholt
alle Sakramente in einem, bis auf die 2 gesellschaftlichen, die er gegensätzlich schärft
[am oberen Rand um -90 Grad gedreht] und die
eben die untere
und obere Höhe
der Gesellschaft
(Ehe und Priestertum)
bilden, deren
Mitte und
wahre Daseins-
gestalt er ist

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denn statt des göttlichen Prozessus in reiner Erkenntnis
der Generation und Liebe hat der Mensch den
Mord gewählt, so die Geschichte im Fleisch begonnen
und rächend fortgesetzt. Die Liebe sah sich als Aneignung
statt Ausgang und wurde Raub {Neid} statt Überlassung.
Denn man sah im fremden etwas Höheres, das man beneidete.
Kain aber beneidete in Abel Gott. So kämpft der Mensch weiter um Gottes Willen
aus Neid.

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Montag, 21.IX.14 [Montag, 21. September 1914]

der stete bürgerliche Krieg

Mystik der Faulheit

Leben unter Menschen gegenüber Paradies, da auch Möglich-
keit des Verhältnisses zueinander in Gesellschaft
bei jeglicher Unvollkommenheit d. i. der stete bürger-
liche Krieg gegenüber Ordensleben mit einer Regel, die die
Vollkommenheit formell ersetzt und kein Krieg ist.

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Dienstag, 22.IX.14 [Dienstag, 22. September 1914]

Abends mit C. und Fl.. Große Spannung über Schlacht an der Marne.
Das lange Schweben zeigt die große Weltwage.

Mittwoch, 23.IX.14 [Mittwoch, 23. September 1914]

Abends mit Behr, der von Ulm zurück. Faules Dasein ohne
Wirksamkeit

Morgengedanke: das wahre Gebet ohne Reflexion und
Verbindungsuchen. Gebet als Sich Ausspruch, als Sich Aufgabe
und Selbstbehauptung zugleich. Schwer, naiv zu beten.
Immer Beziehungsgebet, so wenn man die Beziehung im Gebet,
z. B. als Erlösungsgeschichtlich bedingt, selbst sucht,
mehr Behauptungs-Pharisäergebet. Verlangt mehr
Glaube. Der wahre Glaube.3

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Donnerstag, 24.IX.14 [Donnerstag, 24. September 1914]

Demokratie, Radikalismus und Monarchie, die
Inseln und Festländer der Erde4. Absolutismus und
Barbarei (reclusa und Sinnlichkeit) mitten zwischen Abso-
lutismus und Radikalismus als andere Art berechtigter
Barbarei, während ein reines gotisches Kampfdasein als
Drama Gottes und Ritterdienst an der Geschichte.

Freitag, 25.IX.14. [Freitag, 25. September 1914]

Die Gräber der Gefallenen in der Ackererde Europas,
diese Samen der Menschheit. Wert des Todes
(auch ohne das letzte Wort
Wert der zeitlichen Beendung


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Samstag, 26.IX.14 [Samstag, 26. September 1914]

Nicht das einzelne und absichtliche und auch nicht das willige
Gruppenarbeiten in höherem typisierenden Sinne
das man in Frankreich vielfach so edel angebahnt findet,
z. B. unter Katholiken oder auch im Wirken von Maurice Barrès
entscheidet für Aufstieg und Erfolg der Völker. Diesem
Wirken fehlt die unbekannte, die vorbestimmte Not, es
ist eigentlich bewußt nachhelferisch. Für das Aufsteigen
eines Volkes und einer Rasse entscheidet nur die Wahr-
heit und Angemessenheit seines Daseins und der allg.
fast unbewußte Wille, sich darein zu fügen. Hier erscheint
die höchste unbekannteste Vorausbestimmung, der absolute
Weltplan und Gott und Geschichte und Menschheit eins. Krieg
höchste Selbstidee, Gottes Offenbarung; Wo der absoluteste

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Weltplan sich äußert und von einem Volk befolgt wird,
da ist der Sieg. Jedes andere Volk kann im Augenblick
höhere Einzelidee haben (z. B. Römer zur Zeit der germ-
got. Invasion) aber das ist nur die kulturelle
allseitige (literarische Freiheit), nicht das wahre,
einfache Drama der Notwendigkeit. Es ist nicht
identisch mit der Zeitgnade. Metaphysik der
Barbaren und ihrer Berufung.

Der wahre Glaube: Daß man einfach das Gegebensein,
das Gefügtwerden, das Große sieht, ist noch nicht das
Ganze, es muß der Wille dazukommen, seinen eigenen
Zeitpunkt und sein eigenes Gegeben- und Gefügtsein
festzuhalten, dabei kann man einfachste Vornahme
wie das tägl. Schreiben der Tagesereignisse nicht festhalten

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Das kulturelle Gedankensammeln u. aufsparen,
ohne sich gleich tätig zu äußern, ist auch literarisch
ist luciferisch ((wer sich etwas aufstapelt, vornimmt, nicht ausgeben, nicht
sich als dienen-müssenden erkennen will)) Mystik der Faulheit.

Unser Kulturelles und Literatürliches ist dem Krieg nicht
gewachsen, cfr Kunstwart, geht vor Worten drum herum, die Rede
vom heißen Brei. Der Krieg ist größer als das allg. protest.
Kulturelle deutsche Bewußtsein. Sein Ethisches wirkt noch.
aber das nächste Mal muß größer sein. Wo ist aber der Katholizismus [VR]?

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Sonntag, 27.IX.14 [Sonntag, 27. September 1914]

heiteres kühles und luftiges Herbstwetter. Mit Frl. ⟨1⟩ vormittags
nach München, Frauenkirche und nachmittags Kanonen angesehen und danach durch Englischen
Garten zurück Hütte [VR]. heiterer Ruhetag, seltene Schlafmüdigkeit, abends Luftmüd

Montag, 28.IX.14 [Montag, 28. September 1914]

Heute windig, grauwerdend und schichtwolkig nach
noch ziemlich heiterem Vormittag heftige gelegentl. Windstöße
entblätternd. Man muß ein Jahr immer warten, bis
wieder diese Luft der schon wieder vergangenen Verheißung,
des leeren Sehnens kommt.

Westminster Gazette spricht davon, daß „jeder Friede,
der peinliche Wunden schlage und eine Revanche-Idee

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erwecke, seinen Zweck verfehle.“ Immer wieder diese falsche Friedens-
idee der Ethiker, die Ausgleichsequilibristik, die der
wahre Verrat an der Menschheit ist. Das unglaubliche
Lügensystem über die ganze Welt hin. Was früher
in Reclusazeitvölkern der Aberglaube (Aberglaube
ist immer noch formmächtig)
dem Glauben war, das
ist in Immaculatazeit heute die Lüge und die Heuchelei
der scheinheilige, menschheitlich drappierte Verrat der
Ethik Lüge das wahre formlose Gemeine

Dienstag, 29.IX.14 [Dienstag, 29. September 1914]

Abendgespräch am Samstag über Reims, Zerstörung der Kathedrale
Wert des Privateigentums stofflicher Art und des geschichtl. Kultur-
eigentums (Kulturbesitz). Behaupte, daß geschichtl. Kultur-
eigentum mehr wert als das einzelne Menschenleben u. daß eine

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völkische Gesamtheit bei Zerstörung von Kulturgütern sich des
Unrechts, das sie tut, bewußt bleiben muß, daß sie kein
Prinzip daraus machen darf, daß die Erhaltung ihres Daseins
immer der Erhaltung eines geschichtlichen Kunstgutes voran-
gehe. Daß sie vielmehr ihr Dasein verteidigen muß mit
dem Bewußtsein, es wie mit einer Fortsetzung der Erbsünde
mit einem diesem Dasein aufgebürdeten Unrecht zu beladen
(eine geschichtl. Schuld herauszufordern cfr umgekehrt gegenüber Hybris), daß vielleicht
durch die völkische Zähigkeit und geschichtl. Mission in Zukunft, also
durch die germ. Notwendigkeit in der Abendwelt aus-
geglichen werden kann; ein Volk setzt sich also selber als Preis
oder zukünftiges Opfer für ein monumentales Gnaden-
gut der Zeit. Ein Unrecht bleibt es so immer, weil ein Stein-
werk ein Stück Gnade, ein Stück Weltplan, das geschichtl.
Drama einer ganz bestimmten Zeit, die Substanz der Imma-
culata in reclusa verkörpert war, die nicht mehr
wieder verkörpert werden kann, also ein Zeugnis

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Gottes und seiner Prozedenz in der Menschheit von Menschen zu ihrem
unersetzlichen Schaden ausgetilgt wird. Ein Stück reclusa
geht verloren und die Prozedenz in der der Menschheit
mitgegebenen Immaculata muß sich um so heftiger zum
Opfer bieten, um es zu ersetzen.

In dieser Gesinnung muß bei einem Volke der geschichtl.
ritterliche Sinn entstehen, das ist Dienst an der Geschichte
mit seinem eigenen Volksdasein, Zerstörer als Lebens-
erstürmer und Opferer. Ritterlichkeit kann nur aus Tradition
und Geschichtssinn lebendig sein, ist Edelmut und Opfermut
und etwas ganz anderes als die natürl. soziale Gutherzig-
keit.

Orvieto: das psychol. Verhalten eines Menschen, der der
Waffe mehr sich scheut, aber den Stoff in der Ferne grausam großartig opfern würde
(cfr auch Shylock), das ungefährliche Entsagen und sich Entäußern,
da man es dem Stoff zu leide geschehen läßt, demgegenüber
die deutsch-christl. Gesinnung, die so Stoff, Besitz-Natur und Geschichte
mit dem eignen Leibe deckt und so ihre Christlichkeit und Erlöstheit
mit der eignen zusammen verteidigt cfr indische Gesinnung, die auch Tier nicht leiden
läßt.

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Mittwoch, 30. September [Mittwoch, 30. September 1914]

Krieg Deutschlands und Österreichs gegen die Freimaurerei. Jetzt
müssen wir siegen.

Krieg ist Gewalt, Gewalt als reinster Zweck, als Selbst-
einsatz im Ziel. Das außerordentliche geistige Gefüge, das in
einem solchen Gefüge deutlich wird, Bruchschichten der
Weltgeschichte, wahre Offenbarungen. Bis diese ungeheure
Ordnung der Dinge im Geiste gefügt ist, daß der Krieg
als reinste Weltordnung offenbar wird, als Weltordnung
in der Kraft, Krieg so das Höchste in der Welt, das hohe
Ziel, das der Mensch nicht wünschen darf, aber erkennen
soll, wenn seine Stunde kommt

((Dagegen zeigt sich die Offenbarung in der Gesellschaft
nicht als Bruch, als Organismus, als Kraft etc
sondern nur als Beharrung))