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Konrad Weiß: Tagebücher

Zur Textgestalt der Kriegstagebücher

Die Vorlage

Zum Schreiben der „Kriegsbücher“ dienten Konrad Weiß dunkel eingebundene Kladden mit unliniertem, teils auch liniertem Papier, in denen er in der Regel nur die rechten Seiten fortlaufend beschrieben hat. Auf den linken Seiten stehen öfter undatierte, manchmal auch datierte Bemerkungen und Zusätze, meist, darauf lassen jedenfalls der unterschiedliche Schriftduktus oder verschiedene Tinten schließen, zu späteren Zeitpunkten zugefügt. Nur ganz selten wird für einen laufenden Tagebucheintrag auch die linke Seite benutzt, meist wenn der Platz auf der rechten Seite nicht ausreichte und das Buch bereits fast voll geschrieben war. Auch gelegentliche Anmerkungen zu einem Tagebucheintrag, von Konrad Weiß durch ein Pluszeichen gekennzeichnet, stehen in der Regel auf der linken Seite, werden manchmal aber auch rechts an den Rand geschrieben. Diese Zusätze stellen oft eine Art Selbstkommentar von Konrad Weiß zu dem Tagebucheintrag auf der dazugehörigen rechten Seite dar. Zur Zeit der Entstehung des ersten Gedichtbandes »Tantum dic verbo« werden neu verfasste Gedichte oft als Reinschrift auf der linken Seite des entsprechenden Tagebucheintrags notiert.

Die Einträge in den Tagebüchern sind größtenteils in lateinischer Schrift verfasst, vermischt mit Einsprengseln in deutscher Schrift. Darüber hinaus benutzte Konrad Weiß für häufig wiederkehrende Wörter wie sich, auch, diese u. v. a. die entsprechenden Sigel der Gabelsberger Kurzschrift. Manchmal sind aber auch ganze Sätze oder Satzteile in Gabelsberger Kurzschrift gehalten, augenscheinlich vorzugsweise dann, wenn Konrad Weiß in Eile war oder der Platz auf der Seite knapp wurde. Der Schriftduktus ist teils aufrecht und klar, dann ist die Schrift relativ gut lesbar, teils krakelig, flüchtig oder hastig, dann ist sie schwer und in seltenen Fällen auch gar nicht lesbar.

Vorlage für meine Entzifferung waren Fotokopien der handschriftlichen Originale, die sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach befinden. Meine Entzifferungen habe ich mit den maschinenschriftlichen Abschriften von Veit Roßkopf verglichen, die in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Auftrag des Nachlaßverwalters von Konrad Weiß, Friedhelm Kemp, angefertigt wurden. Dabei konnte ich eine Reihe von Falschlesungen meinerseits korrigieren und Lücken ergänzen, andererseits aber auch manche Falschlesungen in den Typoskripten von Roßkopf korrigieren und Auslassungen nachtragen. Für mich zweifelhafte Lesarten habe ich durch die Lesart von Veit Roßkopf ergänzt; sie stehen jeweils mit dem Vermerk „[VR]“ in eckigen Klammern. Stellen, die ich nicht entziffern konnte, und bei denen mich auch die Entzifferung von Roßkopf, falls vorhanden, nicht überzeugt hat, sind durch spitze Klammern als Lücken ausgewiesen.

In der vorliegenden Ausgabe wird versucht, den Text vollständig, ohne Änderungen und Kürzungen, aber in fortlaufend lesbarer Form wiederzugeben. Ich habe, nach einigen Experimenten in dieser Richtung, auf den Versuch verzichtet, den Text so weit wie möglich in der Anordnung des Originals wiederzugeben, weil das die Lesbarkeit entscheidend verschlechtert hätte. Stattdessen habe ich Einträge auf der linken Seite möglichst im Anschluß an den Absatz, auf den sie sich beziehen, entsprechend gekennzeichnet eingefügt. Wo dies nicht möglich war, habe ich versucht, durch Positionsangaben bei Einträgen auf der linken Seite dem Leser ein Hilfsmittel zu geben, um mental nachzuvollziehen, wie der Originaltext aussieht, und was sich worauf bezieht. Das ist sicherlich ein Kompromiß zugunsten der Lesbarkeit auf Kosten der Originaltreue. Wer die möchte, muß auf die Handschrift zugreifen. Eine leichte Lektüre sind die Kriegstagebücher von Konrad Weiß trotzdem nicht, das liegt aber nicht nur an der formalen Komplexität (um es milde auszudrücken), sondern noch viel mehr an den inhaltlichen Schwierigkeiten, die der Text bietet. Das aber ist ein anderes Thema; und Kommentierung und schließlich Deutung der Tagebücher wären ein weiterer notwendiger Schritt bei der Rezipierung der Werke von Konrad Weiß, den ich gerne der germanistischen Forschung überlassen würde, wenn diese sich denn endlich aufraffen könnte, Konrad Weiß zur Kenntnis zu nehmen. Mir ist es zunächst nur darum zu tun, für solche Bemühungen die Textgrundlage zur Verfügung zu stellen.

Editionsprinzipien

Im Interesse einer möglichst guten Lesbarkeit unter bestmöglicher Ausnutzung des verfügbaren Raumes habe ich bei der Darstellung folgendes Verfahren gewählt: Alles, was auf rechten Seiten steht, wird normal als fortlaufender Text wiedergegeben. Anmerkungen von Konrad Weiß werden als solche gekennzeichnet. Alles, was links steht, wird vor etwas dunklerem Hintergrund und in kleinerer Schrift dargestellt, so daß sofort augenfällig ist, was Tagebuch und was (späterer) Zusatz ist.

Besonders die Zusätze auf den linken Seiten sind oft nicht fortlaufend notiert, sondern nebeneinander, durcheinander oder schräg über die Seite. Dies ist kaum wiederzugeben, und wenn, wäre es nur schwer lesbar. Zudem ist bei den Einträgen auf linken Seiten in vielen Fällen nicht eindeutig, welchem Passus im Tagebucheintrag auf der rechten Seite sie zuzuordnen sind (wenn überhaupt). Bezüge zwischen oder Zusammengehörigkeit von Textteilen deutet Konrad Weiß oft, aber nicht immer durch Striche, Pfeile, geschweifte Klammern an, ähnlich wie heute bei den sogenannten „Mindmaps“. Wegen dieser Komplexität des Schriftbilds habe ich darauf verzichtet, die genaue Plazierung der Zusätze auf linken Seiten im Schriftbild wiederzugeben, und stattdessen alle Einträge in der vermutlichen Reihenfolge ihrer Aufzeichnung untereinander angeordnet, so daß sie sich bequem lesen lassen. Meist habe ich Einträge mit Angaben zur Position auf der Seite versehen. Zusätze, die Konrad Weiß selbst im Tagebuchtext und zu Beginn des Kommentars mit einem Anmerkungszeichen versehen hat, wurden als Anmerkung mit fortlaufender Nummer formatiert.

Aus dem Gesagten dürfte klar werden, daß ein authentischer Eindruck der textlichen Zusammenhänge in den Kriegsbüchern nur anhand des Originals oder eines Faksimiles gewonnen werden kann. Wünschenswert wäre deshalb eine (digitale) Faksimile-Ausgabe mit Transskription. Die Verwirklichung eines solchen Unternehmens wäre allerdings nur mit Zustimmung und Mithilfe des Eigentümers der Tagebücher, des Deutschen Literaturarchivs möglich.

Textdarstellung

Der Text wird ohne Verbesserungen, so wie er ist, wiedergegeben. Groß-/Kleinschreibung und (fehlende) Zeichensetzung entsprechen also dem Original, wobei oft gar nicht zu entscheiden ist, ob Konrad Weiß ein Wort groß oder klein schreibt. Nach heutigen Regeln falsche Schreibweisen, wie "schwühl" statt "schwül", werden beibehalten. Abkürzungen werden nicht aufgelöst, mit Ausnahme von u. und anderen Schreibweisen für „und“. Soweit Abkürzungen nicht gebräuchlich sind, werden sie als Zusatz des Herausgebers aufgelöst. Kurzschrift wird aufgelöst, soweit sie entziffert werden konnte. Der Zeilenfall des Originals wurde weitestgehend beibehalten.

Flüchtigkeitsfehler wie fehlende Klammern und Satzzeichen werden nicht korrigiert. Nicht auszuschließen ist natürlich, daß sich trotz mehrfachen Korrekturlesens Flüchtigkeitsfehler des Herausgebers eingeschlichen haben. Ebenso wenig kann ich Falschlesungen ausschließen.

Datumsangaben

Alle Datumsangaben werden in der von Konrad Weiß benutzten Schreibweise wiedergegeben. Die von ihm benutzte Unterstreichung wird durch Hervorhebung im Schriftbild ersetzt. Fehlerhafte Datumsangaben werden nicht korrigiert. Jedoch wird jedes Datum von Konrad Weiß durch eine rechtsbündig angeordnete, in einheitlichem Format gehaltene Datumsangabe des Herausgebers in eckigen Klammers ergänzt und ggf. richtig gestellt.

Ergänzungen von Konrad Weiß

Einträge
(Ergänzungen, Selbstkommentare, Notizen)
auf der linken Heftseite

nachträglicher Zusatz von Weiß
auf der rechten Heftseite

{Zusatz von Weiß über oder unter der zugehörigen Zeile}

Lücken:
⟨1⟩ 1 Wort nicht entziffert
⟨2⟩ 2 Worte nicht entziffert etc.
⟨..⟩ oder ⟨.⟩ Wortteil oder Zeichen nicht entziffert
Zusätze des Herausgebers
[?] Lesung des davorstehenden Wortes fraglich
[text] Ergänzungen, Anmerkungen des Herausgebers
[datum] ergänzende Datumsangaben des Herausgebers in einheitlichem Format
[VR] Das Vorhergehende wurde aus der Abschrift von Veit Roßkopf übernommen; der Text konnte von mir nicht entziffert werden.

 

Quellen

Die Tagebücher von Konrad Weiß befinden sich, wie fast der gesamte handschriftliche Nachlaß, im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Die maschinenschriftlichen Abschriften aus dem Nachlaß von Veit Roßkopf befinden sich im Stadtarchiv Schwäbisch Hall, wo ich die Abschriften der Tagebücher abfotografieren durfte.

 

Mai 2017
Wilfried Käding